| |
30.
Januar 2009
Aufruf
zu antifaschistischen Aktionen am 13. und 14. Februar 2009 in Dresden
Keine
Versöhnung mit Deutschland.
Deutsche
Täter sind keine Opfer.
Naziaufmärsche
verhindern!
Hätte
es die Bombardierung Dresdens nicht gegeben - die Deutschen hätten
sie erfunden. Der Bezug auf die Bombardierung Dresdens am 13. Februar
1945 ist heute, über sechzig Jahre danach, aus dem deutschen
Selbstbewusstsein nicht mehr wegzudenken. Das in der sächsischen
Landeshauptstadt alljährlich zelebrierte Gedenken an die Toten
der Bombardierung ist dabei weit mehr als die Erinnerung an ein
historisches Ereignis. In der Woche um den 13. Februar herum trifft
sich die kollektive Trauer deutscher BürgerInnen um sogenannte
"deutsche Opfer" mit dem zur Zeit größten
Nazi-Aufmarsch Europas.

Beide
vereint die Suche nach kollektiver Identität, die nach 1945
in Deutschland jedoch nicht mehr umstandslos zu haben ist. Die einzige
vernünftige Konsequenz aus der deutschen Geschichte bleibt
der bedingungs- und kompromisslose Bruch mit ihr. Wer ihn nicht
vollziehen will, kommt um eine umfassende Revision und Verfälschung
dieser Geschichte nicht herum - ganz gleich ob als subtile Akzentverschiebung
oder als raubeinige Lüge. Nicht nur in Dresden mündet
daher die Rekonstruktion deutscher Identität in die Verdrängung
der geschichtlichen Wirklichkeit durch einen Mythos. Die untereinander
konkurrierenden Strömungen des Dresdner Gedenkens schreiben
die deutsche Ideologie fort und stellen sich damit in die Tradition
der deutschen Täter/-innen. Der notwendige Bruch mit der deutschen
Vergangenheit dagegen impliziert die unnachgiebige Kritik des Dresdner
Trauerspektakels in allen seinen Gestalten. Dies kann nur bedeuten,
die geschichtsrevisionistischen Manifestationen der deutschen Ideologie
an den beiden Tagen des 13. und 14. Februars 2009 mit der bitter
nötigen Kritik zu konfrontieren. Eine Versöhnung mit Deutschland
ist unmöglich.

Die
Inszenierung des Mythos

Die
alliierten Luftstreitkräfte flogen von Oktober 1944 bis April
1945 insgesamt acht Angriffe auf Dresden. Doch nur die Angriffe
vom 13. und 14. Februar 1945 durch die Royal Air Force prägen
das kollektive Gedächtnis bis heute. Der in diesem Zusammenhang
entstandene Mythos um Dresden ist dabei weniger auf die Bombardierung
als solche zurück zu führen, als vielmehr auf die Propaganda
der Nazis. Die NS-Führung entschied sich für eine Kampagne
zur Stärkung des Volkssturms im Inneren und für die Diskreditierung
der Alliierten im neutralen Ausland. So wurde Dresden bald international
zum Symbol für eine sinnlose Zerstörung von Kunst- und
Kulturschätzen kurz vor Ende des Krieges, der angeblich hunderttausende
Menschen zum Opfer fielen. Das kollektive Gedächtnis, die Koordinaten
der heutigen Erinnerungskultur in der Stadt und die Auseinandersetzung
um das Gedenken an den 13. Februar sind über sechzig Jahre
hinweg davon bestimmt worden. Dass die Dresdner Bevölkerung
ebenso zum Gelingen des mörderischen NS-Regimes beigetragen
hatte und Dresden keine unschuldige Kunst- und Kulturstadt war,
dass die Nazi-Propaganda die Totenzahlen verzehnfachte und die deutsche
Bevölkerung sich im letzten Akt des Krieges im Volkssturm sammelte
um Volksgemeinschaft und Vaterland zu verteidigen, wurde und wird
in dieser Erzählung komplett außer Acht gelassen, ebenso
z.B. dass Dresden die zweitgrößte Garnisonsstadt des
Dritten Reiches und wichtiger Standort der Rüstungsproduktion
war.

Im
Zentrum der Mythenbildung um Dresden stand seit 1945 die Frage nach
der Zahl der Toten. Angesichts dieses Jahrzehnte währenden
Streits setzte die Stadt 2004 die "Historikerkommission"
ein, um die Totenzahl endgültig zu bestimmen. Nicht nur widerlegte
die Kommission den beliebten Dresdner Mythos der Tieffliegerangriffe
am Elbufer, sondern zeigte auch, dass die Zahl der Toten weit niedriger
lag als offiziell verbreitet, nämlich bei höchstens 25.000.
Aber nicht nur das. Es wurde aus Archivmaterial nachgewiesen, dass
schon die Nazis sehr gut über diese Zahl informiert waren;
verschiedene zeitnahe Abschätzungen der Totenzahlen wiesen
bereits auf eine ähnliche Größenordnung hin. Die
Einsetzung der Historikerkommission kann unter diesen Umständen
durchaus als strategischer Coup gewertet werden, mit dem die Lüge
über die Totenzahlen der letzten sechzig Jahre als bloße
"Unwissenheit" verschleiert wird. Nichtsdestotrotz zeigt
sich die Konfrontation mit der historischen Realität für
das Dresdner Gedenken als ein schwerer Schlag; denn nunmehr ist
unbegründet, warum gerade Dresden diese Sonderstellung in der
sogenannten deutschen Gedenkkultur besitzen soll. Die neue Rechtfertigung
lautet nun, dass Dresden eine traditionsreiche und vielfältige
"Erinnerungskultur" besäße.

Gewandelter
Geschichtsrevisionismus. Der "Kontext" der Bombardierungen

War
das Gedenken an den 13. Februar in Dresden nach 1989 lange Zeit
eine recht durchsichtige revisionistische und revanchistische Veranstaltung,
so bezieht das aktuelle Gedenken sein Selbstbewusstsein perfiderweise
gerade daraus, dass es behauptet, im eigenen Trauern den Nationalsozialismus
abzulehnen und der deutschen Geschichte vollständig Rechnung
zu tragen; eine Behauptung, die von den meisten Verteidiger wie
auch den Kritiker des Gedenkens, gerade in der Linken, praktisch
unbesehen übernommen wurde. Damit war für die bisherige
Kritik in der Regel der Punkt erreicht, an dem sie kapitulierte;
sei es als beschämter Friedensschluss mit der neuen (und damit
auch der alten) deutschen Ideologie oder als Rückzug in die
selbstgenügsame Wiederholung leerer Phrasen. Dafür gibt
es jedoch keinen Anlass. Dem modernisierten 13. Februar-Gedenken
gelingt es nur durch einen äußerst problematischen Umgang
mit geschichtlicher Erfahrung, einerseits den deutschen Nationalsozialismus
abzulehnen und zugleich der deutschen Täter zu gedenken, die
für ihn verantwortlich waren. Von der deutschen Geschichte
bleibt dabei nur noch ein abstrakter Mythos übrig.

Die
Ablehnung des deutschen Nationalsozialismus im gewandelten Dresden-Gedenken
erfolgt nicht durch die Konfrontation des eigenen Tuns mit der geschichtlichen
Erfahrung, sondern allein dadurch, dass zum Gedenkritual die deutsche
Geschichte hinzuaddiert wird. In der beliebten, und von vielen Linken
unkritisch übernommenen, Sprache des Gedenkens verkommt die
Geschichte des deutschen Nationalsozialismus zur "Vorgeschichte"
oder zum "Hintergrund" der Bombardierung deutscher Städte.
Sie bildet den "Kontext", der an jeder passenden und unpassenden
Stelle mitgenannt wird. Die Hierarchie ist von vornherein festgelegt:
im Zentrum stehen die "deutschen Opfer" und obendrauf
oder untendrunter, davor oder dahinter muss zwanghaft der "Kontext"
beschworen werden. Ganz folgerichtig trägt der 2005 veröffentlichte
fundamentale Text des modernisierten Gedenkens den Titel "Rahmen
für das Erinnern".

Die
einschneidende geschichtliche Erfahrung der deutschen Barbarei wird
darauf reduziert, als "Kontext" im Zuge des eigenen Gedenkens
mit genannt oder "erinnert" zu werden. Hierbei handelt
es sich nicht allein um eine fragwürdige Prioritätensetzung,
sondern um eine inhaltliche Verschiebung der Geschichte. Denn die
geschichtliche Erfahrung des Nationalsozialismus lässt sich
nicht bloß mit der Trauer um getötete Deutsche nicht
vereinen, sie verbietet jeden solchen positiven Bezug auf die deutschen
Täter. Zur Legitimation des Gedenkens ist eine grundlegende
Revision dieser Geschichte notwendig; damit um die getöteten
Deutschen als abstrakte Individuen getrauert werden kann, muss ihre
Verwicklung in die Geschichte des Nationalsozialismus geleugnet
oder ausgeblendet werden. Die Reduktion von Geschichte auf einen
"Kontext" zeigt sich als ein Manöver, um von der
individuellen Ebene komplett zu abstrahieren. Die als "Kontext"
so leicht daher erzählbare Geschichte des Nationalsozialismus
ist nicht mehr als eine schlechte Sammlung von Schulbuchfakten,
in der menschliche Individuen überhaupt nicht mehr vorkommen.
Der eigentliche Gehalt der geschichtlichen Erfahrung wird damit
vollständig abgewehrt.

Deutsche
Schuld

Das
jede Grenze übersteigende Ausmaß der nationalsozialistischen
Barbarei lässt sich allein dadurch begreifen, dass diese Barbarei
von den Individuen, den Deutschen, nicht nur mitgetragen wurde,
sondern sie die Verwirklichung derselben als ihr ureigenstes Projekt
betrachteten. Zwar wären die von den Deutschen begangenen Verbrechen
ohne die Machtübernahme der NSDAP nicht denkbar gewesen; denn
erst mit der Herstellung einer übergreifenden gesellschaftspolitischen
Konstellation wurde die Mobilisierung und Koordinierung der antisemitischen
Massen möglich. Doch die Verwirklichung von Judenmord, Volksgemeinschaft
und "totalem Krieg" war kein Geheimprojekt einer Clique
von Parteinazis. Es war das öffentlich formulierte und unter
allgemeiner Zustimmung und Beteiligung vorangetriebene Projekt einer
ganzen Gesellschaft. Die Bereitschaft "ganz normaler Deutscher"
zur aktiven Beteiligung an Mord und Grausamkeit gegen Jüdinnen
und Juden ist empirisch umfassend belegt; anders als durch ihre
Mitwirkung wäre das deutsche Vernichtungsprojekt nicht in dem
Ausmaß möglich gewesen.

Die
Deutschen haben nach 1945 fast einstimmig behauptet, von nichts
gewusst zu haben und an nichts beteiligt gewesen zu sein. Die Frage
der individuellen Schuld lässt sich nicht abstrakt beantworten,
jedes derartige Denken dient bloß der Schuldabwehr. Die Grenzen
zwischen aktiven Mörder/-innen und an Gewalttaten nicht unmittelbar
beteiligten Deutschen dürfen nicht verwischt werden. Die Behauptung
jedoch, dass man 1945 in Deutschland unwissend, unschuldig und unbeteiligt
hätte leben können, lässt sich empirisch widerlegen.

Um
das Unbegreifbare zu begreifen ist die unnachgiebige "Wendung
aufs Subjekt" (Adorno) notwendig; d. h., es muss der Frage
nachgegangen werden, wie es dazu kommen kann, dass das einzelne
menschliche Individuum zur Teilnahme an einem ideologisch motivierten
Mordprojekt unfassbaren Ausmaßes fähig wird. Die nationalsozialistische
Ideologie wie auch die mörderische Praxis der Gewalt gegen
Andere fanden in der deutschen Bevölkerung praktisch keinen
Widerspruch, weil sie mit der Konstitution der Individuen in der
modernen Gesellschaft korrespondierten. Die wahrgenommene äußere
Gesellschaftlichkeit stimmt nicht mit dem, was diese Gesellschaft
selbst zu sein behauptet, überein. Doch das Resultat ist nicht
die begriffliche Anstrengung und Reflexion, sondern die Ideologiebildung.
Die Widersprüche der unbegriffenen kapitalistischen Vergesellschaftung
werden von Individuen, die sich an die Anforderungen der Aufklärung
nie gewagt haben, auf andere projiziert: die Juden sollen an allem
schuld sein. Während man sich selbst als Opfer geriert, wird
der Hass auf Jüdinnen und Juden zum integralen Bestandteil
des falschen Bewusstseins.

Dass
die, derer am 13. Februar gedacht wird, nachgewiesenermaßen
Anhänger/-innen eines "eliminatorischen Antisemitismus"
(Goldhagen) waren, kommt im handlichen "Kontext" dieses
Gedenkens selbstverständlich nicht vor. Schon die Erwähnung
der ideologischen Motivation im Antisemitismus enthält den
Verweis darauf, dass die Deutschen ihre Taten freiwillig und ohne
äußeren Zwang begingen und stört das falsche Bedürfnis
nach Trauer. Zur Rechtfertigung muss der Freispruch der Betrauerten
erfolgen, und dies geschieht heute durch die Reduktion der Geschichte
auf einen "Kontext", in welchem die individuelle Beteiligung
gar nicht mehr formulierbar ist; übrig bleibt Geschichte als
leicht greifbarer Mythos, der so nie hätte Wirklichkeit sein
können.

Geschichtliche
Erfahrung konstruktiv ins eigene Handeln in der Gegenwart einzubringen,
würde hier gerade bedeuten, die Identität derer, um die
getrauert wird, zu beleuchten: wer sie waren und was sie taten.
Dieses Wissen lässt nur eine Schlussfolgerung zu: jede Trauer
um die zu "Opfern" umgelogenen deutschen Täter ist
abzulehnen, da ein positiver Bezug auf sie nicht möglich ist.
Die Trauer um getötete Deutsche, egal in welcher Form, wird
unweigerlich zur politischen und geschichtsrevisionistischen Kundgebung.
Deutsche
Identität

Es
gibt keinen vernünftigen Grund, am 13. Februar um getötete
Deutsche zu trauern. Das, was am 13. Februar alljährlich geschieht,
ist keine unpolitische "Erinnerungsarbeit", sondern ein
kollektives Ritual. Gedenken kann und muss man dem mit der Bombardierung
verbundenen Tod und Leid der wirklichen Opfer: der Zwangsarbeiter/-innen,
der Jüdinnen und Juden, aber auch der Kinder. Sie alle werden
zwar oft für die Rechtfertigung des Gedenkspektakels missbraucht,
aber um sie geht es im Gedenken überhaupt nicht. Die Gemeinsamkeit
aller bunten und abstrusen Geschichtsverzerrungen zeigt sich darin,
dass für den 13. Februar 1945 eine im Kern unschuldige und
unbeteiligte, wenn nicht gar widerständische deutsche (und
natürlich erwachsene) Zivilbevölkerung konstruiert wird,
mit der die eigene Identifikation möglich ist. Zentral für
diese Identifikation ist die Ausschaltung aller Reflexion und Bewusstseinsanstrengung;
die organisierte Gedenk-Show bewegt sich vollständig auf der
Ebene von unmittelbaren Affekten. Abstrakt betrachtet wird der "Kontext",
bestehend aus den deutschen Verbrechen; doch gerade wie sie in einer
mythologischen Ausdrucksweise einfach benennbar sind, entziehen
sie sich der realen Vorstellungskraft der Zuhörer,
werden entwirklicht. Der obligatorische Absatz zur "Vorgeschichte"
erfüllt in der pathetischen Gedenkrede die Aufgabe des notwendigen
Spannungsbogens für den eigentlichen Höhepunkt, der sich
auf der rein emotionalen Ebene bewegt: die falsche Identifikation
mit der individuellen Erlebnis- und Leidensgeschichte. Hier erst
kommen die vorher ausgeblendeten Deutschen als Individuen ins Spiel:
als individuelle "Opfer". Ihre dramatischen Zeitzeugnisse
sind für den "gesunden Menschenverstand" der Trauerbürger/-innen,
die genau eine solche emotionale Show erwarten, leicht greifbar.
In der Ausschaltung jeder geschichtlichen Reflexion wird das Gedenken
zur billigen Propaganda-Kundgebung. Wollte man der tatsächlichen
Opfer gedenken, so müsste mit jedem positiven Bezug, jeder
Identifikation mit den für den Nationalsozialismus verantwortlichen
Deutschen gebrochen werden. Gegen das eigene falsche Bedürfnis
nach Empathie angesichts der nicht zu leugnenden Leiden der Deutschen
ist die aus dem Begriff des geschichtlichen Zusammenhangs entspringende
Kälte des Verstandes notwendig; nur sie kann die ungebrochene
Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus bewahren. An keinem
Punkt des Dresdner Gedenkspektakels und des zugehörigen Diskurses
findet der Bruch mit dem falschen Bedürfnis nach Einfühlung
und Identifikation statt. Jeder am 13. Februar verlesene dramatische
Zeitzeugenbericht von "deutschen Opfern" ist ein handfestes
Stück Geschichtsrevisionismus.

Die
Verkehrung der deutschen Täterinnen und Tätern zu Opfern
ist ein nicht wegzudenkendes Moment in der Herstellung nationaler
Identität. Wie alle solchen Identitäten ideologische Gebilde
sind, müssen sie sich als ewig und unveränderlich darstellen,
was hier allein dadurch gelingt, dass selbst in der dunklen Zeit
des Nationalsozialismus ein positiver Anknüpfungspunkt ausgemacht
wird, an dem sich das falsche Bewusstsein festhalten kann: die unschuldige
deutsche "Zivilbevölkerung" als eine Summe von individuellen
"Opfern", die nicht bloß das bessere, sondern schlechthin
das gute Deutschland verkörpern soll. Für die eigene Identität
wird dabei nicht nur die historische Kontinuität hergestellt,
sondern aus der mythologisierten Geschichte des Nationalsozialismus
soll gerade die Abhebung der eigenen Identität von den Anderen,
die eigene Besonderheit also bezogen werden. Die untilgbare deutsche
Schuld wird in einen positiven "Auftrag" umgedeutet, in
"die eigene Verantwortung für die Gestaltung einer menschenwürdigen,
demokratischen und friedlichen Gesellschaft" (Rahmen für
das Erinnern). In der Identifikation mit dieser aus der eigenen
Geschichte angeblich entspringenden "Verantwortung" liegt
aber keine Belastung, sondern ein greifbarer Vorteil für die
Individuen, nämlich die selbst erteilte Bescheinigung, die
Vergangenheit aufgearbeitet zu haben und selbst geläutert zu
sein, mit dieser also in keiner Verbindung mehr zu stehen. Dementsprechend
ungehalten reagiert man in Deutschland, wenn die Expertinnen und
Experten in Sachen "Vergangenheitsbewältigung" an
deutsche Schuld erinnert oder mit den Forderungen von Zwangsarbeiter_innen
nach Entschädigung konfrontiert werden. Die Verkehrung von
Geschichte in Verantwortung ist lediglich eine weitere Variante
des angeblich berechtigten Schlussstriches unter die deutsche Vergangenheit.
Derartige Reden sind nicht neu, sie datieren in wandelnden Formen
bis in die Jahre nach 1945 zurück, kommen aber ohne die Betonung
des angeblich "Neuen" gar nicht aus, gleichwohl sie nicht
sagen können, worin dieses eigentlich liegt. Die nicht enden
wollende Flut an leeren Phrasen und Beweisen der eigenen "Läuterung"
und angeblichen "Versöhnung" verweist darauf, dass
diese keinerlei realen Kern besitzen, eben wie die angestrebte Auslöschung
des Geschehenen unmöglich ist. Die eigene falsche Identität
kann überhaupt nicht verwirklicht werden, und ist gerade deshalb
ein Ritual, welches unendlich wiederholt werden muss und nie zur
Ruhe kommen kann. Es ist die Suche nach nationaler Identität,
die am 13. Februar tausende deutsche Bürger/-innen in Dresden
zum geschichtsrevisionistischen Gedenken an "deutsche Opfer"
auf die Straße treibt.

Das
Gegenteil von gut ist gut gemeint
Wie
in den vergangenen Jahren wird es auch am Freitag, den 13. Februar
2009 in Dresden verschiedene "bürgerliche" öffentliche
Trauerveranstaltungen geben. Für den Abend des 13. Februars
ruft das Nazi-Bündnis "Gegen das Vergessen" zu einem
Fackelumzug auf, zu dem über 1.000 Nazis aus dem Spektrum der
"Freien Kräfte" zu erwarten sind. Am 14. Februar
2009 ist ein europaweiter Trauermarsch für die deutschen
Opfer der Bombardierung geplant. Im vergangenen Jahr war dieser
"Trauermarsch" mit über 5.000 Teilnehmer/-innen der
größte Naziaufmarsch Europas.

Auch
wenn man nach wie vor am gleichen Tag um die gleichen Opfer trauert:
zum modernisierten Dresdner Gedenken gehört auch die Abgrenzung
von den Nazis. Die Auseinandersetzung mit ihnen findet aber nicht
als kritische Reflexion des eigenen Tuns am 13. Februar statt, sondern
kommt im Gegenteil als verlogene Abwehr einer den "Rechtsextremisten"
vorgeworfenen "Vereinnahmung" des Gedenkens daher. Durch
diese "Vereinnahmung", das Polizeiaufgebot und natürlich
die linken GegendemonstrantInnen sehen sich die Dresdner um die
Freude am Trauern gebracht.

Die
Auseinandersetzung mit dem historischen deutschen Nationalsozialismus
und den aktuellen Nazis scheitert, wenn diese verklärt werden.
Die Ideologie der Nazis steht nicht nur in Kontinuität mit
den Ressentiments praktisch aller Schichten der deutschen Gesellschaft,
sondern auch ihre demokratisch-zivilgesellschaftlichen Gegner im
Geh-Denken-Bündnis - von der am rechten Rand fischenden CDU
ganz zu schweigen - benutzen explizit Versatzstücke derselben.
Wenn zu den Unterstützer/-innen des "Aufrufs aus Dresden"
ein Franz Müntefering zählt, der die antisemitische Heuschrecken-Metapher
im deutschen Sprachraum wieder etablierte und auf der Website ein
Peter Sodann mit dem Statement "der Bombenangriff auf Dresden
war das Ergebnis einer langen Herrschaft von Menschen, die es nicht
wert waren, das deutsche Volk zu regieren" zitiert wird, ist
die Auseinandersetzung mit den Nazis bereits verloren. Die Sammlung
unter den Fahnen von Meinungsfreiheit und Demokratie wird zur Lüge,
wenn sie nur dazu dient, die geläuterte eigene Nationalidentität
gegen die Bedrohung von "rechts" zu festigen. Die Rede
von der notwendigen Verteidigung der Demokratie gegen die mit Diktatur
identifizierten Nazis hat zwar noch immer die größten
Mobilisierungserfolge im bürgerlichen Lager, doch sie verzerrt
ihren Gegenstand; als ob der NS kein "Volksstaat" (Götz
Aly) gewesen wäre und die NPD in der Lage wäre, eine faschistische
Diktatur zu installieren. Nein, der Nationalsozialismus lebt fort
nicht nur gegen die Demokratie, sondern ebenso in derselben, als
akzeptierte Meinungsäußerung. Wenn die fortlebenden und
neu produzierten Ideologien und die falschen Identitäten in
den Köpfen der Menschen nicht reflektiert und konfrontiert
werden, nimmt die Auseinandersetzung mit "rechts" selbst
ideologische Züge an.

Naziaufmärsche
verhindern, Trauerritual stören!
Die
Großaufmärsche der Nazis am 13. und 14. Februar 2009
und die geschichtsrevisionistische deutsche Trauershow am 13. Februar
haben festen Anteil am Fortbestehen derselben deutschen Ideologie,
die für den Nationalsozialismus verantwortlich war. Sie wird
an diesen beiden Tagen öffentlich reproduziert und in den Köpfen
der Menschen verfestigt. Diese deutsche Ideologie birgt in sich
Ausgrenzung, Rassismus, Antisemitismus und den Hass auf "die
Anderen". Sie verwirklicht sich in Brandanschlägen, in
Gewalt und Mord durch Nazis und durch "ganz normale Deutsche"
sowie im kollektiven oder individuellen Wegsehen und der Toleranz
demgegenüber; in Hakenkreuzschmierereien an Synagogen, in rassistischen
Gesetzgebungen und in Polizeiübergriffen. Sie ist eine Bedrohung
für andere Menschen und uns selbst.

Es
ist daher unser erklärtes Ziel, die Nazi-Aufmärsche am
13. und 14. Februar 2009 zu verhindern sowie das geschichtsrevisionistische
Trauerspektakel am 13. Februar zu stören und durch kreative
Aktionen mit unserer Kritik zu konfrontieren.

2006
gelang es erstmals, durch eine Blockade der Dresdner Augustusbrücke
den Nazi-Großaufmarsch zur Umkehr zu zwingen. Im Jahr darauf
musste er aufgrund antifaschistischer Blockaden eine verkürzte
Route wählen. Am 16. Februar 2008 versuchte die Stadt Dresden,
antifaschistischen Protest in der Innenstadt durch ein Verbot der
angemeldeten Demonstration zu verhindern und die Nazis ungestört
marschieren zu lassen. Trotzdem gelang es den 1.200 anwesenden Antifaschistinnen
und Antifaschisten, von einer Kundgebung ausgehend eine Spontandemonstration
durchzusetzen und die ursprüngliche Naziroute zu blockieren.
Dadurch konnte verhindert werden, dass die Nazis an der Dresdner
Synagoge vorbeimarschierten. Nichtsdestotrotz konnten sie nach dieser
Routenänderung ihren Aufmarsch unter Polizeischutz weitestgehend
ungestört zu Ende führen.
In
diesem Jahr wollen wir mehr. Wir rufen deshalb alle Menschen auf,
an
diesen beiden Tagen nach Dresden zu kommen und uns zu unterstützen!
Deutsche
Täter sind keine Opfer. Naziaufmärsche
verhindern.
Geschichtsrevisionismus
angreifen. Keine Versöhnung mit Deutschland.
Dieser
Aufruf wird unterstützt von:
Gruppe
Antifa Dresden (GAD)
Antifa [R]osswein_[D]öbeln_[L]eisnig
Antifaschistische Gruppe
Freiberg
Leipziger Antifa (LeA)
Antifaschistische Aktion
Pirna (A2P)
Antifaschistische Gruppe
Pirna (AGP)
Antifaschistische Aktion
Bautzen
Emanzipative Antifaschistische
Gruppe (EAG-Berlin)
Antifaschistische Schüler_innen-Vernetzung
Autonome Neuköllner
Antifa [ANA]
AFA Strausberg
Autonome Linke Quedlinburg
[alq]
Autonome Antifa Siegen
Projekt [k] Siegen
Antifa1up Sulzbach-Rosenberg
Gruppe Shut Down! Köln
Antifaschistische Aktion
Freiburg
Junge Linke Lippstadt
IKIS (Israelsolidarische
Kommunist_innen im Sauerland)
Gruppe ISKRA Frankfurt
(Oder)
A2K2 (west. Ruhrgebiet)
Gruppe emanzipatorischer
KommunistInnen (Lahn-Dill)
et2c (muenster) (et2c.wordpress.com)
Autonome Jugendantifa
Köthen
Treffpunkte
- gegen Gedenken und Naziaufmärsche:
Freitag,
13. Februar 2009:
Kundgebung
"Keine Versöhnung mit Deutschland" und Konzert
17.00 Uhr, Altmarktgalerie
/ Dr.-Külz-Ring
Samstag,
14. Februar 2009:
No
pasarán Demonstration gegen den Naziaufmarsch
11:00
Uhr, Hauptbahnhof

Kundgebung
"Keine Versöhnung mit Deutschland"
12.00
Uhr, Altmarktgalerie / Dr.-Külz-Ring
Freitag,
13. Februar 2009:
18:00
Uhr, Hauptbahnhof [update 27.01.09]
Samstag,
14. Februar 2009:
12:00
Uhr, Hauptbahnhof [update 27.01.09]
Infonummern:
0351-3233660 und 0351-3233659
Ermittlungsausschuss
(EA): 0351-89960456
Der
DGB
organisiert Busse
Abfahrtszeiten:
1.Bus:
06.00
Uhr, Bahnhof Treysa
Anmelden
bei Michael Mager,
Tel.
06691-220548 (15.00 bis 19.00 Uhr)

2.Bus:
06.30 Uhr, Auestadion Kassel
Anmelden
bei DGB-Region Nordhessen, Büro Bad Hersfeld
Breitenstraße
57, 36251 Bad Hersfeld
Tel.:
06621-9293-0, Fax: 06621-9293-33
|
|