12. März 2008
NSDAP-Akten im Fritzlarer Dom-Archiv
Nazi-Akten sind ein zweifelhafter Domschatz
Ein NSDAP-Funktionär bringt kurz vor Ostern 1945, amerikanische Einheiten nähern sich, brisantes Aktenmaterial der örtlichen NSDAP in den Fritzlarer Dom. Die Kirche schweigt über Jahrzehnte, verleugnet und verweigert. Dagegen wehrte sich beharrlich Pfarrer i.R. Paulgerhard Lohmann, der für seine Bemühungen um die Aussöhnung mit den Holocaust-Überlebenden in der vergangenen Woche das Bundestverdienstkreuz erhielt.
Fritzlar im Frühjahr 1945: Der Albtraum großdeutscher Herrlichkeit ist ausgeträumt. In der nordhessischen Provinz erwartet man die von Westen vorrückenden Amerikaner. Auch Kinder und Großväter, der sogenannte "Volkssturm", sollen die Befreier aufhalten und den "Endsieg" für Deutschland erreichen, so die perverse Vorstellung der deutschen Führung. Amerikanische Panzerspitzen erreichen den Stadtrand am Karfreitag. In den folgenden 36 Stunden finden etwa 40 deutsche und 120 amerikanische Soldaten den Tod, ehe die Stadt am Ostersonntag von den Amerikanern besetzt wird.
Als sich die amerikanischen Einheiten der mittelalterlichen Kleinstadt nähern, sollen dort noch hastig Spuren verwischt werden. In der Moskauer „Erklärung über deutsche Grausamkeiten im besetzten Europa“ vom 30. Oktober 1943 hatten die Alliierten ihre Absicht erklärt, nach dem Krieg intensiv die Verbrechen der Faschisten zu verfolgen. Die Entnazifizierung war eine zentrale Zielsetzung der Alliierten nach ihrem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland, die ab Juli 1945 umgesetzt wird. Die Amerikaner betreiben in ihrer Besatzungszone zunächst eine sehr bürokratische Entnazifizierung. Bis Weihnachten 1945 werden knapp 13 Millionen Fragebögen ausgefüllt, bis Mitte 1946 sind jedoch erst 1,6 Millionen bearbeitet.
Einen Fragebogen zu belügen ist leicht. Und einen Mitgliedsausweis oder eine Uniform kann man schnell und einfach vernichten oder verstecken. Um die Verschleierung perfekt zu machen, bringt ein örtlicher NSDAP-Funktionär kurz vor Ostern 1945 die Partei-Akten der NSDAP-Ortsgruppe Fritzlar in den Fritzlarer Dom, um sie dem Schutz der heiligen Kirche anzuvertrauen.
Die Kirche schwieg - seit jenem Tag kurz vor Ostern 1945.
Bekannt ist, dass unter der Schirmherrschaft von Papst Pius XII., der zum Holocaust geschwiegen hatte, die Kurie damals eine Fluchthilfeoperation entfaltete, die die Täter des Judenmordes in Sicherheit brachte. Der Leiter der österreichischen Sektion der Päpstlichen Hilfskommission, Bischof Alois Hudal, nahm sich deutscher NS-Täter an. Der gebürtige Österreicher war Rektor des deutschen Priesterkollegs und Vorsteher der deutschen Nationalkirche Santa Maria dell'Anima in der Via della Pace in Rom. Der Träger des "Goldenen Ehrenzeichens der NSDAP“ hatte sich für eine Symbiose von Katholizismus und Nationalsozialismus stark gemacht und 1936 das Buch "Die Grundlagen des Nationalsozialismus“ veröffentlicht. Ein an Hitler verschicktes Exemplar hatte Hudal mit der Widmung versehen: „Dem Siegfried deutscher Größe“. Nach 1945 fühlte er sich, wie er unverblümt zugab, verpflichtet, sein "gesamtes wohltätiges Werk hauptsächlich früheren Nationalsozialisten und Faschisten zu widmen, besonders den so genannten Kriegsverbrechern“. Wichtigste Zielländer der "Rattenlinie" Hudals waren Argentinien, Brasilien, Spanien, Ägypten und Syrien. Über diese Fluchtroute flüchteten u.a. Josef Mengele, Adolf Eichmann, Hans-Ulrich Rudel, Franz Stangl und Klaus Barbie.
Dass im Fritzlarer Dom-Archiv brisantes Aktenmaterial der örtlichen Nazi-Führung verborgen wird, war bislang nicht bekannt. In Fritzlar erleichterte ein Zeitzeuge sein Gewissen und vertraute sich dem Pfarrer Paulgerhard Lohmann an, der sich intensiv um die Aussöhnung mit den Holocaust-Überlebenden bemüht. Paulgerhard Lohmann ist auch die Erforschung der Geschichte der Juden in Fritzlar zu verdanken. Für dieses Engagement erhielt er jetzt das Bundesverdienstkreuz am Bande. Nach dem Eintritt in den Ruhestand 1997 zog Lohmann mit seiner Ehefrau Charlotte nach Fritzlar. Dort weckte insbesondere die bereits seit dem Jahr 1096 dokumentierte Geschichte der jüdischen Gemeinde sein Interesse. Seine Recherchen hat Lohmann in einem 532 Seiten starken Buch veröffentlicht: "Hier waren wir zuhause". Aufgrund seines einzigartigen Engagements sei es möglich gewesen, im Jahr 1999 eine jüdische Festwoche in Fritzlar auszurichten, zu der ehemalige jüdische Mitbürger oder deren Nachfahren aus den USA, aus Israel und Südafrika anreisten. Dazu war Paulgerhard Lohmann einer der Initiatoren des Kunstprojekts Stolpersteine in Fritzlar.
Eine jüdische Gemeinde gab es in Fritzlar bereits im Mittelalter (seit ca. 1200). Eine Synagoge bestand seit Ende des 18. Jahrhunderts. Eine neue Synagoge, am 30. Juni 1897 eingeweiht, wurde im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom zerstört. Am 8. November 1938 kam es zu einem schweren Anschlag auf die Synagoge in Fritzlar. Eine SS-Truppe, unterstützt durch die örtliche Hitler-Jugend setzte die Synagoge in Brand. Wenig später wurde sie abgebrochen. Zahlreiche jüdische Einwohner wurden nach den Deportationen in Vernichtungslagern ermordet, unter ihnen der letzte Vorbeter und Lehrer der Gemeinde, Gustav Kron, und seine Frau. Heute erinnern nur noch der große jüdische Friedhof am Schladenweg, einige Gassennamen (z.B., Judengasse, Am Jordan) in der Altstadt und eine Gedenktafel am Ort der zerstörten Synagoge sowie die erst kürzlich entworfenen sog. „Stolpersteine“ des Kölner Bildhauers Gunter Demnig (Pflastersteine mit einer Messingplatte, auf welchen die Namen der ermordeten Juden eingraviert wurden) an diese Mitbürger.
Lohmann bat beim Prämonstratenserorden um Einsicht in die Akten. Zunächst wurde dort das Vorhandensein solchen Materials bestritten, dann eingeräumt und schließlich die Einsichtnahme abgelehnt. Ende 2007 wurden die Akten von Fritzlar nach Fulda verbracht, wo sie im bischöflichen Archiv streng unter Verschluss gehalten werden. So berichten heute die regionalen Blättchen "Extra-Tip" und "Domstadt-Nachrichten".
Die Kirche soll ihre Haltung danach wie folgt begründen: "Es gibt Alt-Fritzlarer, die eine Scham haben, warum ihre Vorfahren der Partei beigetreten sind, keine Farbe bekannt haben, nicht zu den Wohltätern zählen etc..."
Gegenüber dem Blättchen "Extra-Tip" erklärt Lohmann, es gehe ihm nicht um die Täter, sondern um Opfer und deren Wohltäter. Er sagt: "In den alten Archiven sind sicherlich NSDAP-Mitglieder vermerkt, die verbotener Weise Kontakte zu Juden unterhielten, ihnen halfen." Lohmann erwähnt gegenüber dem Blatt auch, dass der Pabst im Jahr 2005, als 60 Jahre seit dem Krieg vergangen waren, die Freigabe zur Öffnung aller NS-Archive erteilte. Bereits in den 80er Jahren seien in Deutschland Archivare aufgefordert gewesen, Aktendeckel für Dokumentationen zu öffnen.
Wir gratulieren Paulgerhard Lohmann zur Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz. Wir danken für das energische und erfolgreiche ehrenamtliche Engagement und wünschen für kommende Aufgaben reichlich Zustimmung und Hilfe.
Im Dezember 2007 nahm ich die Einladung von Herrn Lohmann an, mit ihm unseren Aufruf zu einem offenen Brief an die Stadt Fritzlar zu diskutieren. AntifaschistInnen empörten sich ab August 2007 über den Umgang der Stadt Fritzlar mit Infoständen der rechtsextremen NPD. Im Rahmen des Landtagswahlkampfes veranstaltete die NPD bis zum Januar 2008 mehrere Infostände in Fritzlar. Anders als beispielsweise die Städte Bad Wildungen, Frankenberg oder Melsungen vermied die Stadt Fritzlar jeden öffentlichen Protest, indem sie die Termine der angemeldeten Infostände geheim hielt. Entsprechende Auskünfte wurden vom Ordnungsamt, im Gegensatz zu anderen nordhessischen Gemeinden, strikt abgelehnt. Die NPD vollzog ihre Infostände so völlig ungestört. Ein zuverlässiges System des "Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen" wurde auch hier deutlich.
Bischof Heinz Josef Algermissen, das bischöfliche Generalvikariat im Bistum Fulda, das Prämonstratenser Priorat in Fritzlar und die Mitglieder der katholischen Gemeinde in Fritzlar rufen wir auf, sich sofort und unmissverständlich für eine Offenlegung der NS-Akten einzusetzen.
Die oberflächliche Begründung, dass "Alt-Fritzlarer" ihren guten Ruf gefährdet sehen, wäre angesichts der Verbrechen, um deren Aufklärung es geht, wäre angesichts des Leids, das die Opfer erfahren haben und wäre angesichts der Dimension des Völkermords eine Beleidigung und dürfte so nicht stehen bleiben! Die Stolpersteine vor vielen Fritzlarer Häusern zeugen davon, dass der Völkermord überall in Europa und eben auch in Fritzlar schreckliche Realität war. Hier wurden Menschen gequält, enteignet und in den Tod geschickt. Und ja: NSDAP-Mitglieder und -Funktionäre waren keine Fremden, sie trugen unsere Namen, wohnten in unseren Häusern und ihre Fotos kleben in unseren Familienalben. Die Nachkommen hatten Jahrzehnte lang Zeit, vertraulich und offen mit Eltern oder Großeltern über deren Rolle in der Nazi-Zeit zu sprechen. Die demokratische Kultur hat dazu täglich Gelegenheit geboten und dazu aufgerufen.
Es sollte auch nicht so getan werden als wollte man die Nachkommen in Sippenhaft nehmen. Niemand will öffentlich diskutieren, wer warum die Fahne damals hoch oder noch höher gehalten hat. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der Daten sollte es aber neben der Aufklärung von Verbrechen nicht zuletzt auch darum gehen, herauszufinden, wie das System des Schweigens funktioniert - warum es so gut funktioniert, dass es Jahrzehnte braucht, bis ein Mensch das Schweigen bricht. Zur Auseinandersetzung mit diesem Thema sind alle Mitbürger aufgerufen, völlig unabhängig davon, ob und in welcher Rolle die Namen ihrer Familien in den Akten verborgen sind. Offensichtlich wurde eine intensive Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte der Stadt und eine öffentliche Diskussion darüber bislang versäumt. Hier bietet sich nun eine Gelegenheit.
Kein Schweigen, kein Vergessen!
Nachtrag, 14.03.2008:
Mit Schreiben (FAX) von heute habe ich u. a. beim Pressesprecher des Bistums Fulda, Christof Ohnesorge, um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen gebeten. Herr Ohnesorge hat mir umgehend geantwortet. Die Erklärungen des Pressesprechers möchten wir unserem Bericht gern anfügen:
Der Artikel des "Extra-Tip" spricht davon, dass ein Nationalsozialist dem "Orden der Prämonstratenser" 1945 die Akte übergeben habe. Das ist Unsinn, denn der Orden ist erst seit dem 1. September 1989 in Fritzlar, erklärt Christof Ohnesorge. Auch habe Herr Pfarrer Lohmann, seit er mit dem Bistumsarchiv in Fulda in Verbindung stand, schnell und erschöpfend Auskunft zu allen Informationen, die zu Juden in dem fraglichen Archivbestand vorhanden sind, in Form von Exzerpten erhalten. Das Forschungsinteresse von Herrn Pfarrer Lohmann sei lobenswert. Die "schutzwürdigen Interessen" der heute lebenden Fritzlarer Bürger seien aber zu achten und so seien die Namen von damals beteiligten Personen nicht weitergegeben worden.
Stephan Siebrecht, antimanifest
nach Berichten der "Domstadt-Nachrichten", der HNA und des Extra-Tip
Verschwiegen und verschlossen Extra-Tip vom 12.03.2008
Paulgerhard Lohmann - Initiator und Historiker HNA online vom 09.03.2008
Kommentar im Extra-Tip vom 12.03.2008
nichts sehen, nichts hören, nichts sagen
von Jochen Schneider
Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Fritzlar ist ein Spiegel der meisten Kleinstädte Deutschlands. Die Aufarbeitung der Geschichte macht 1933 bis 1945 Pause. Wer will schon die Namen seiner Vorfahren auf Täter-Listen lesen?
Es ist verständlich, wenn der Prämonstratenserorden Bürger, die nichts für Verbrechen ihrer Ahnen können, nicht einer öffentlichen Rufschädigung preisgeben will. Aber auch die Ordensherren im Dom haben Vergangenheitsbewältigung zu betreiben. Denn ihre Vorgänger haben die Existenz von Beweismaterial verschwiegen, als unmittelbar nach der Befreiung vom Nationalsozialismus Täter gesucht wurden, um sie zur Rechenschaft zu ziehen. Ein Hinweis darauf ist das strikte Ablehnen der Einsicht ins brenzlige Aktenmaterial.
Sicherlich geht daraus mehr hervor als nur, welcher Bürger wann welche Fahne hoch gehalten hat. 63 Jahre nach Verschwinden der Akten hinter den Mauern des Doms ist es jetzt an der Zeit, deren Deckel zu öffnen.
Von den in Fritzlar geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen
sind in der NS-Zeit umgekommen:
Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem www.yadvashem.org
Josef Baruch (*1923),
Ruth Baruch (*1926),
Sara Baumann geb. Mark (*1869),
Emma Boley (*1875),
Julius Heilbronn (*1897),
Hilde Helfer geb. Kugelmann (*1915),
Dina Joseph geb. Hoexter (*1876),
Moritz Joseph (*1870),
Grete Katz geb. Wolff (*1911),
Paula Kaufmann geb. Sauer (*1893),
Gustav Kron (*1878),
Selma Kron geb. Blumenkrohn (*1890),
Berta Kugelmann (*1924),
Betti Kugelmann geb. Plaut (*1884),
Josef Kugelmann (*1877),
Robert Kugelmann (*1880),
Julius Lissauer (*1906),
Max Lissauer (*1906),
Moses Lissauer (*1870),
Susanne Luss geb. Lissauer (*1909),
Blanka Löwenstein (*1921),
Herbold Löwenstein,
Jettchen Löwenstein (*1875),
Rickchen Löwenstein geb. Stern (*1872),
Siegfried Löwenstein (*1884),
Lilli Mannheimer (*1910),
Günter Mansbach (*1932),
Hans Mansbach (*1931),
Herta Mansbach geb. Levie (*1907),
Ludwig Mansbach (*1896),
Ottilie Mansbach (*1929),
Adele Mark (*1878),
Max Mark (*1872),
Otto Mark (*1880),
Robert Mark (*1876 oder 1877),
Jacob Neugarten (*1888),
Herta Poppert geb. Speier (*1913),
Erna Rapp (*1897),
Robert Salmon (*1890),
Hermann Speier (*1880),
Rebekka (oder Ruth) Speier geb. Grünebaum (*1888),
Susmann Speier (*1870),
Max Tugendreich (*1879).
 
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letzte Aktualisierung: 14.03.08