18. Januar 2007
Meldung des Bildungssyndikat der F.A.U. Giessen
Gießener Diskothek duldet Nazis
Studentin wurde entlassen
Am Nachmittag des 12.01.07 fand vor dem Arbeitsgericht ein Gütetermin zwischen dem Betreiber des Gießener Tanzhauses Alpenmax und einer ehemals dort beschäftigten Studentin statt. Sie war im September suspendiert worden, nachdem sie einem offensichtlich erkennbaren Nazi den Eintritt zur Diskothek verweigert hatte. Ähnliche Vorfälle sind unter anderem auch aus Göttingen bekannt, wo der Betreiber ebenfalls eine Diskothek namens Alpenmax betreibt.
Was war passiert? Besagter Neonazi trug auf seinem T-shirt den Schriftzug „White Power“, sowie die Codierung 88. Auf seiner Jacke war eine aufgenähte Lebensrune erkennbar, ebenfalls ein in der rechten Szene vielfach verwendetes Identifikationsmerkmal. Die Studentin erkannte die Nazisymbole an dem Bonehead, als dieser die Disko kurz verlassen wollte. Darauf weigerte sie sich, ihn wieder einzulassen. Umgehend wurde sie darauf vom Einlassbereich an die Kasse versetzt und am Ende des Abends vom Geschäftsführer mit den Worten verabschiedet: "dies ist dein letzter Arbeitstag gewesen". Die Studentin forderte danach den Geschäftsführer schriftlich auf, eine Stellungnahme zur Kündigung abzugeben, worauf der nicht reagierte. Daraufhin wurde der Vorfall von der Studentin und ihren Freunden öffentlich gemacht. Zwei Gießener Tageszeitungen und die Frankfurter Rundschau berichteten. Einige Wochen zuvor stand die Partnerdisko des Alpenmax "Agostea", ebenfalls in Gießen, in der öffentlichen Kritik, weil Menschen mit vermeintlich "ausländischer" Herkunft am Ausgang abgewiesen wurden. (siehe auch: http://www.giessener-anzeiger.de)
Die Reaktion des Inhabers der Diskothekenkette ließ deutlich erkennen, dass er wenig Interesse an dem abendlichen Vorfall zeigte, dafür umso mehr dafür, die Sache zu verharmlosen. Anfangs wurde der Vorfall geleugnet, schließlich kam es soweit, dass er der Studentin öffentlich damit drohte „sie sich vorzuknöpfen“. Schließlich wurde sogar die Kündigung damit gerechtfertigt, die Angestellte habe die Gäste nicht nach ihrer nationalen Gesinnung zu beurteilen. Damit bekennt sich der Geschäftsführer zu seiner faschistisch eingestellten Kundschaft. Auch die Geschäftsführung der betroffenen Diskothek machte Aussagen darüber, dass sich oft Nazis dort aufhalten und geduldet würden. Nachdem der Angestellten ohne Abmahnung (daher) ungerechtfertigt gekündigt wurde und diese Klage dagegen einreichte, zog die Gegenseite die Kündigung zurück. Trotz der Weigerung, die Studentin auszubezahlen, wird dies nach dem Gütetermin nun doch geschehen.
Das Tanzhaus Alpenmax gehört zu einer Kette von insgesamt 23 Diskotheken, deren Inhaber Manfred Peter der "Peter Gastronomie GmbH Freigericht" ist. Diskotheken der entsprechenden Kette gibt es deutschlandweit. Zu diesen gehören außer dem Alpenmax Tanzlokale wie Fun, Funpark, GaudiMax und Agostea. Ähnliche Vorfälle, wie das Aussortieren von Gästen mit vermeintlich "ausländischer" Herkunft, sind auch aus Göttingen (Alpenmax) bekannt. Nicht nur, dass die Fälle in den Diskotheken des gleichen Inhabers praktisch identisch sind, auch die Stellungnahme von Seiten der Betreiber ist in beiden Fällen wortwörtlich die Selbe. Diese Praxis und auch das Dulden von Nazis zeigen, dass Rassismus und Verharmlosung von Faschismus heute wieder verstärkt wichtige Themen sind. Es zeigt nicht nur, dass Rassismus in unserer Gesellschaft immer noch präsent ist, sondern auch, dass sich neofaschistische Einstellungen in unserer Mitte etablieren können.
Neben dem Rassismus und der Tolerierung offen auftretender Neofaschisten zeigt sich ein weiteres Problem in der Diskothek Alpenmax (nicht nur dort). Die Belegschaften sind sich vollkommen unklar über ihre Arbeitsrechte. Unternehmen dieser Art stellen vorwiegend Aushilfen auf 400€-Basis ein, da diese sich ihrer rechtlichen Ansprüche nicht bewusst sind. Dass auch 400€-JobberInnen das Recht auf bezahlten Urlaub, sowie Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle haben ist vielen dieser ArbeiterInnen nicht bewusst.
Der Gütetermin
Die Studentin liess sich nicht durch die oben erwähnten Drohungen einschüchtern, schaltete eine Anwältin ein und klagte gegen das Alpenmax auf die Auszahlung des ihr noch zustehenden Gehaltes und Urlaubs. Am Freitag dem 12.01.07 versammelten sich ca. 40 Menschen vor dem Arbeitsgericht, um der Studentin ihre Solidarität auszudrücken und sie bei ihrer Auseinandersetzung mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber zu unterstützen. Die Gerichtsverhandlung dauerte, wie üblich keine 20 Minuten. Der Gütetermin endete mit einem Vergleich. Der Studentin werden zwei weitere Monatsgehälter ausgezahlt und dazu noch eine Woche Urlaubsgeld. Insgesamt also weitere 630 Euro. Dass es sich also lohnt, sich zu wehren, zeigt die aktuelle Situation.
Die Situation der zur Zeit im Alpenmax Beschäftigten hat sich seit dem Vorfall leider extrem verschlechtert. Die Angestellten sind meist dringend auf den Job angewiesen, da es sich zum Teil um migrantische Studierende handelt, die dringend das Geld brauchen. Aber das zeigt auch die ganze paradoxe Situation. Vielen der Angestellten wird es nach ihrer Aussage mulmig, wenn offen auftretende Neonazis bei ihnen was zu Trinken bestellen, können aber aufgrund der Sachzwänge nicht auf ihre Arbeit verzichten, da sie sonst ihr Studium nicht fortsetzen könnten. Hier sollte es eigentlich in der Verantwortung der Vorgesetzten liegen, es nicht auf mögliche Konflikte ankommen zu lassen und Sorge dafür zu tragen, dass sich diese im Endeffekt nicht nachteilig auf Bedienstete auswirken. Viele der dort Arbeitenden mussten sich mittlerweile weitere Jobs suchen, da der mittlerweile schlechte Ruf des Alpenmax, wenn auch zur unserer Freude, sich extrem auf dessen Besucherzahlen und somit auch auf die Arbeitssituation ausgewirkt hat.
Bildungssyndikat der F.A.U. Giessen
Artikel aus der online-Ausgabe des Gießener Anzeiger vom 28.10.2006
"Ich war der Einzige, der nicht reingekommen ist"
Ausländer haben Schwierigkeiten, in die Großdiskothek Agostea eingelassen zu werden
Stadt Gießen - "Junge, du nicht!" Der junge Mann lacht entsetzt auf, als ihm die Türsteher der Diskothek Agostea im Gewerbegebiet West den Zutritt verweigern. Das ist nichts Neues, wie der 19-jährige Türke sagt, der ursprünglich aus Istanbul stammt und an der Friedrich-Feld-Schule in Gießen sein Abitur macht. "Ich war mit vier deutschen Freunden hier und ich war der Einzige, der nicht ´reingekommen ist - das ist vielleicht ein fieses Gefühl." Kurz nach der Eröffnung hatte sich in der Stadt ein Gerücht verbreitet: Als Ausländer gebe es kaum eine Chance, in die Großdisco zu gelangen. Ein Test am Donnerstagabend um 23 Uhr zeigt: Das Gerücht ist belegbar. Anders als am Wochenende waren noch Parkplätze frei und auch Schlangen bis zur Kasse gab es zur besten Ausgehzeit keine. "Ich komme in Frankfurt in jeden Club rein", sagt der abgewiesene Gießener. Dabei benennt er unter anderem Sven Väth´s legendären Club Cocoon oder das nicht weniger angesagte King Kamehameha. Seine 18-jährige deutsche Begleiterin berichtet: "Letztens war ich mit mehreren Freunden da; alle kamen rein, nur nicht die ausländischen Männer, da bin ich natürlich auch nicht rein.".
Auf der Internetseite heißt es über die Einlasskriterien: "Natürlich soll sich jeder, der das Agostea besucht, in seiner Haut und seiner Garderobe wohl fühlen." Unerwünscht sind Sport- und Motorrad-Kleidung sowie Baseball-Kappen, nicht Volljährige, Betrunkene und Drogen aller Art. Mehr nicht, bis auf den schwammigen Verweis: "Die Kleidung, das Auftreten und das Benehmen muss zu unserer aktuellen Gästestruktur passen."
Der 19-Jährige trägt einen hellen italienischen Anzug mit Designerhemd, eine silberne Kette mit Kreuz auf dem dunklen T-Shirt und weiße Slipper. Schicker, und einer Disco angemessener, geht es kaum. Wenige Minuten, nachdem er abgeblitzt ist, fährt das Paar wieder.
"Und jetzt, Jungs?" Martin Dippel ist mit drei Freunden extra aus Stadtallendorf angereist, um die Worte "Geht nicht!" zu hören, offensichtlich wegen des Migrationshintergrunds von zweien. "Wir sind extra die 50 Kilometer gefahren, um hier in die Disco zu gehen", sagt der 22-Jährige. Ratlos stehen sie neben ihrem Wagen und starren auf die große, beleuchtete "Agostea"-Tafel. "Solche Clubs müsste man verbieten", schimpft einer. Die im Internet genannten Kriterien für einen Einlass jedenfalls erfüllen sie, sehen gepflegt aus, um nicht zu sagen herausgeputzt. Verständnis für die Abfuhr haben sie daher keines. "Wir geben doch hier unser Geld aus und wollen uns natürlich auch den Regeln entsprechend verhalten", sagt Martin Dippel. Normalerweise fahren sie am Wochenende nach Frankfurt, was auch künftig der Fall sein wird. "Nach Gießen werde ich so schnell jedenfalls nicht mehr kommen."

Ein Auszubildender zum Bankkaufmann und Ex-Spieler des Basketball-Bundesligisten Gießen46ers, der namentlich nicht genannt werden möchte, will sich eine solche Erfahrung ersparen. "Meine beiden Brüder mit ihren Freundinnen und ein Bekannter sind unabhängig voneinander abgewiesen worden", berichtet der Deutsch-Amerikaner. Einem Landsmann und Kollegen sei es genauso ergangen. "Die Türsteher haben da ja keinen Einfluss drauf, die haben eine Order von der Geschäftsleitung." Auch die Tochter von Gießens Powerlifter Theo Strippel, die ihren 19. Geburtstag feiern wollte, machte schlechte Erfahrungen. Eine farbige Freundin und ein afrikanischer Bekannter wurden abgewiesen. "Die anderen dürfen rein", lautete die Ansage. Die Lust zum Abtanzen war ihnen jedoch vergangen.
Manfred Peter von der Peter-Gastronomie GmbH Freigericht, die unter anderem die Diskotheken Agostea und Alpenmax betreibt, erklärt auf Anfrage: "Wir lassen eigentlich alle Leute rein." Es gebe aber gewisse Kriterien. Die Frage, warum manche Gäste keinen Einlass erhalten, obwohl sie diese Bedingungen erfüllen, konnte der Betreiber aber nicht beantworten. "Natürlich muss das von der Konstellation passen", sagt er. Eine Ausländerquote gebe es aber nicht. Außerdem würden Deutsche wie Ausländer abgewiesen. "Wenn das einem Ausländer passiert, haben wir das Problem, dass es immer dargestellt wird, als seien wir ausländerfeindlich, und das stimmt ja gar nicht." Im Agostea selbst gebe es 80 Prozent ausländische Mitarbeiter. Tatsächlich nicht gerne gesehen sind große Gruppen. "Mit dem Alkohol werden manche lustig, andere müde und ein paar eben aggressiv", begründet Peter diese Haltung. Er verstehe aber die Problematik und werde mit dem Personal der extern beauftragten Sicherheitsfirma sprechen. "Dass es passiert ist, tut mir leid", sagt er.
 
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letzte Aktualisierung: 18.01.07