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03.
November 2006
Abschied
von Peter Gingold
Widerstand
ein Leben lang
Der
Antifaschist Peter Gingold lebt nicht mehr.
Ein
Nachruf von Ulrich Schneider in der Junge
Welt vom 30.10.2006:

Widerstand
- ein Leben lang
Nach
langer schwerer Krankheit starb Peter Gingold, antifaschistischer
Widerstandskämpfer, Kommunist aus jüdischem
Elternhaus und Internationalist, am 29. Oktober in
Frankfurt/Main im Alter von 90 Jahren.
Antifaschisten
und Anhänger der politischen Linken verschiedener
Generationen haben Peter Gingold in den vergangenen
Jahrzehnten auf Veranstaltungen, in gemeinsamen Aktionen
auf der Straße und in Debatten über die
Konsequenzen aus der faschistischen Vergangenheit
und für eine sozialistische Alternative erlebt.
Er war als Person nicht nur Teil der politischen Bewegung,
er stand mit seiner Biographie auch symbolisch für
politische Entwicklungen und den Umgang mit der Erinnerung
und Würdigung des antifaschistischen Widerstandes
in unserem Land.

Geboren am 8. März im Kriegsjahr 1916 in Aschaffenburg,
erhielt Peter Gingold seine persönliche und politische
Prägung in seinem jüdischen Elternhaus und
in der Arbeiterjugendbewegung. Sein Vater besaß
eine kleine Konfektionsschneiderei in Frankfurt/Main.
Als Jugendlicher erlebte er den Antisemitismus der
Nazis. Er fragte sich und seinen Vater, der mit seiner
Arbeit eine achtköpfige Familie zu ernähren
hatte: "Du bist doch auch Jude, leidest auch
unter der Arbeitslosigkeit, wieso bist du an allem
schuld?" So einfach und gleichzeitig überzeugend
stellte Peter Gingold die faschistische Demagogie
in Frage und begann als Jugendlicher nach den Ursachen
von Massenarbeitslosigkeit, Armut und Ungerechtigkeit
zu fragen. Bald schon organisierte er sich im Zentralverband
Deutscher Angestellter und im Kommunistischen Jugendverband.
Politische Erkenntnis und Handeln waren für ihn
untrennbar verbunden. Und so wirkte er vor 1933 und
nach der Machtübertragung an die NSDAP im antifaschistischen
Kampf. Bei einer Razzia der SA im Juni 1933 verhaftet,
kam er erst nach mehrmonatiger Gefängnishaft
frei mit der Auflage, Deutschland zu verlassen.
Er folgte seinen Eltern und Geschwistern, die bereits
im Frühjahr 1933 nach Paris emigriert waren.
Ruhe gab er dort aber auch nicht. Er arbeitete im
deutschsprachigen antifaschistischen Pariser Tageblatt
mit und gehörte zu den Gründern der Freien
Deutschen Jugend (FDJ) als überparteiliche antifaschistische
Jugendorganisation.
In
Paris traf er zwei wichtige Entscheidungen, die sein
ganzes persönliches und politisches Leben geprägt
haben: 1937 trat er der Kommunistischen Partei bei und
1940 heiratete er Ettie Stein-Haller, die er in der
FDJ-Arbeit kennen- und lieben gelernt hatte. Über
sechzig Jahre waren die beiden verheiratet und haben
sich gegenseitig in ihrer politischen Arbeit und Überzeugung
gestützt und gestärkt.
Im
französischen Exil kam ihre erste Tochter Alice
zur Welt. Während Ettie Gingold sich um das Kind
kümmerte, mußte ihr Mann aufgrund der Verfolgung
durch die Gestapo untertauchen. Er schloß sich
der Travail Allemand (TA) an, einer Gruppe in der Résistance,
die antifaschistische Aufklärung unter deutschen
Soldaten leistete. Während seiner illegalen Zeit
wurden zwei seiner Geschwister in Paris verhaftet und
nach Auschwitz deportiert. Er selbst geriet 1943 in
die Fänge der Gestapo. Ihm gelang jedoch mit Hilfe
der Organisation die Flucht. Peter Gingold nahm im August
1944 am Aufstand zur Befreiung von Paris teil und setzte
seine antifaschistische Arbeit in den Reihen des 1.
Pariser Regiments in Lothringen und im April als Frontbeauftragter
bei den Partisanen in Norditalien fort. In Turin erlebte
er den 8. Mai 1945, der für ihn "das Morgenrot
der Menschheit" war.
Zurückgekehrt
nach Frankfurt/Main gehörten Peter und Ettie Gingold
zu den Gründern der hessischen Vereinigung der
Verfolgten des Naziregimes (VVN) und wirkten politisch
in der KPD. Doch während Peter Gingold für
seine antifaschistische Arbeit in Frankreich und Italien
geehrt wurde, erlebten er und seine Frau in Deutschland
lange Jahre gesellschaftliche Ausgrenzung. Als Widerstandskämpfern
und Kommunisten wurde ihnen viele Jahre die deutsche
Staatsbürgerschaft verweigert. In Gefolge des KPD-Verbots
mußte Peter Gingold zeitweilig wieder in die Illegalität.
Und er mußte die Verfolgung in zweiter Generation
erleben, als seine zweite Tochter Silvia als Lehrerin
viele Jahre mit Berufsverbot belegt war. Dabei kamen
ihm seine Kontakte zu französischen Antifaschisten
zugute. "A bas les Berufsverbote" wurde zu
einer millionenstimmigen Losung in den 70er Jahren in
Frankreich.
Solch
negative Erfahrungen mit der bundesdeutschen Realität
haben ihn nicht abgehalten, sich für seine Vision
einer sozialen und menschenwürdigen Gesellschaft,
frei von Krieg und Ausbeutung einzusetzen. Daß
man dazu einen sehr langen Atem braucht, auch Rückschläge
verkraften muß, vermittelte er in vielen Gesprächen
und Vorträgen, besonders gegenüber Jugendlichen.
Und er forderte sie auf, selber aktiv zu werden gegen
Neofaschismus, Rassismus, soziale Ungerechtigkeit und
Ausgrenzung. Dabei ging er mit gutem Beispiel voran
bei zahllosen Aktionen gegen alte und neue Nazis, ob
in Mittenwald, in Wunsiedel, in Frankfurt oder Berlin.
Peter
Gingold war ein vielgefragter Redner, Gesprächspartner
und Zeitzeuge, der politisch reflektiert, engagiert
und persönlich authentisch historische Zusammenhänge
vermitteln konnte. Er wurde eingeladen von Schulen und
Universitäten, von Jugendverbänden, Gewerkschaften
oder der autonomen Antifa, von der Gesellschaft für
christlich-jüdische Zusammenarbeit oder seiner
Partei, der DKP, und natürlich von der VVN-BdA,
für die er in den letzten Jahren als Bundessprecher
politisch aktiv war. Nicht zu vergessen sind seine Aktivitäten
im Auschwitz-Komitee der BRD, gegen die Profiteure der
Kriegsverbrechen, zum Beispiel der IG-Farben in Abwicklung,
oder für den Verband Deutscher in der Résistance,
in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und
der Bewegung "Freies Deutschland e.V." (DRAFD).
Hier und das zeigte eindrucksvoll die Feier zu
seinem 90. Geburtstag im Frankfurter DGB-Haus
erlebte er die Anerkennung, die ihm die bundesdeutsche
Gesellschaft verweigert hatte.
In
seinem Schlußwort auf der Geburtstagsfeier formulierte
er noch einmal das Motto seines politischen Handelns:
»Nie resignieren, und wenn welche resignieren,
dann macht ihnen Mut!« Peter Gingold hat auf seine
Weise Mitstreitern und Nachgeborenen in vielen Aktionen
und Situationen Mut gemacht. Nun liegt es in der Verantwortung
der Nachgeborenen im Sinne von Peter Gingold
, diesen Mut in Handeln für eine Gesellschaft
ohne Ausbeutung und Kriege einzubringen.
Die
Trauerfeier zu Ehren von Peter Gingold findet im November
in Frankfurt/M. statt. Die Beisetzung wird in Paris,
im Familiengrab bei seiner Frau Ettie erfolgen.
Vor
kurzem erschien die Dokumentation zum 90. Geburtstag
von Peter Gingold: Ulrich Schneider/Horst Gobrecht:
»Résistance = Widerstand ein Leben
lang!«. Hrsg. Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora/
Freundeskreis e.V., 60 Seiten, Ladenpreis 5 Euro, ab
10 Exemplare 3 Euro plus Porto, zu bestellen bei: VVN-BdA
Hessen, Eckenheimer Landstr. 93, 60318 Frankfurt/M.
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