29. Oktober 2005
antifaschistischer Widerstand in Göttingen
Neonazi-Aufmarsch in Göttingen verhindert!
Der NPD-Landesverband Niedersachsen plante für den 29. Oktober 2005 einen Neonaziaufmarsch in Göttingen. Die Stadtverwaltung hatte den Nazis eine großzügige Aufmarschroute durch das Uni- und Ostviertel angeboten. Wir haben die Nazibande allerdings nicht weit ziehen lassen. Ihr kleiner Aufzug wurde unter dem Druck der etwa 6.000 Gegendemonstranten von der Einsatzleitung abgebrochen. Am Einsatz waren 3.800 Beamte aus verschiedenen Bundesländern beteiligt.
29.10.05, 12.30 Uhr
Brennende Barrikaden auf der geplanten Demonstrationsroute. Über 30 solcher Feuer werden entzündet. Der Kreuzbergring steht in Flammen. Die Einsatzleitung ist gezwungen, die Route deutlich zu verkürzen.
29.10.05, 12.30 Uhr
29.10.05, 12.30 Uhr
29.10.05, 14.27 Uhr
3.800 Polizisten schützen den kleinen NPD-Aufmarsch.
29.10.05, 14.37 Uhr
Knapp über 200 Neonazis stehen mit ihrem Lautsprecherwagen an der Kreuzung Weender Landstraße / Kreuzbergring. Etwa 6.000 Gegendemonstranten schreien den Lautsprechern entgegen und lassen die braune Propaganda untergehen.
29.10.05, 15.08 Uhr
Die Einsatzleitung ordnet an, die NPD-Anhänger auf dem kürzesten Weg zurück zum Bahnhof zu geleiten.
29.10.05, 15.08 Uhr
29.10.05, 15.55 Uhr
Am Bahnhof ist es antimanifest dann doch noch gelungen... Der schnell entfachte Streit wird Sekunden später von der Polizei unterbunden.
Nur Idioten brauchen Führer!

 

Auszüge aus dem Göttinger Tageblatt vom Abend des 29.10.:
Brennende Barrikaden, 6000 Gegendemonstranten: NPD bricht Demo ab
Die Bilanz laut Polizei: 14 verletzte Polizeibeamte, ebensoviele Unbeteiligte, die von Rettungswagen in Kliniken transportiert wurden und etwa 50 weitere Verletzte, die sich selbst versorgten. 41 Personen wurden festgenommen, drei weitere in Gewahrsam genommen. In einer ersten Reaktion sagte Göttingens Polizeipräsident Hans Wargel, man habe die Militanz und Anzahl der Autonomen unterschätzt.

Die Protestaktion des Bündnisses gegen Rechts mit etwa 5000 Teilnehmern blieb hingegen friedlich. Die Polizei war mit etwa 3800 Beamten im Einsatz. An mindestens 30 Stellen entlang der geplanten NPD-Marschroute bauten Autonome aus Müllcontainern, Baumaterial und anderen Gegenstände Barrikaden und zündeten sie an. Die Berufsfeuerwehr zählte 21 Einsätze. (...) Schon am Weender Tor hatten die Ausschreitungen im Stadtgebiet die Polizei dazu gebracht, eine Verkürzung der NPD-Marschroute anzuordnen. Die NPD befolgte dies unter Protest. Ein ordnungsgemäßer Ablauf der NPD-Demonstration habe angesichts der Gewalttätigkeiten nicht mehr gewährleistet werden können, erklärte ein Polizeisprecher. (...) Die letzten NPD-Anhänger verließen Göttingen gegen 16.15 Uhr. Bis zum Abend blieb es dann in der Stadt weitgehend ruhig.
16. Oktober 2005
Aufruf der Antifaschistische Linke International >A.L.I.<:
Am 29. Oktober 2005 ist es wieder einmal soweit: Nach über 3 Jahren, ohne in der Stadt auch nur einen Fußbreit politischen und gesellschaftlichen Bodens gewonnen zu haben, versuchen Neonazis der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) gemeinsam mit den in die Führungsetagen der Partei integrierten "Freien Kameradschaften", wieder einen Naziaufmarsch in Göttingen durchzuführen. Dass ihr Vorhaben stattfindet, gilt als sicher, denn die Neonazis können sich wohl auch diesmal wieder auf das niedersächsische Inneministerium, die Göttinger Stadtverwaltung, Gerichte und Polizei verlassen.
Offenbar auf Weisung von CDU-Oberbürgermeister Jürgen Danielowski - dem es nach eigenem Bekunden am liebsten wäre, die FaschistInnen einfach zu ignorieren - verzichtete die Stadtverwaltung selbst auf den Versuch eines Verbotes der Naziveranstaltung und hofiert die NPD stattdessen mit großzügigen Angeboten einer Aufmarschroute durch das Uni- und Ostviertel. Zur Rechtfertigung zeigt man im Rathaus gerne auf die Verwaltungsgerichte. Diese legalisieren in aller Regel unter Verweis auf das "demokratische System" die Aufmärsche der Neonazi-Partei. Anschließend wird durch den schlagkräftigen Einsatz tausender Polizeikräfte den Rechten der Weg durch die GegendemonstrantInnen gebahnt. Die Ordnungshüter sind auch das eigentliche Problem der Aufmärsch-GegnerInnen, denn ohne den politischen Willen von Innenministerium und Polizeiführung die FaschistInnen durch die Städte ziehen zu lassen, würden viele der Neonaziaufmärsche wohl gar nicht erst stattfinden können.
Die radikale Linke muss auf diesen Zusammenhang hinweisen und bereits im Vorfeld gegen den Naziaufmarsch aktiv werden!
Zusammen - auf allen Ebenen - mit allen Mitteln!
Das Szenario in Goettingen
Die "polizeilich national befreite Zone"
Der angekündigte Aufmarsch in Göttingen steht in einer ganzen Reihe von Aufmärschen, die der NPD-Landesverband Niedersachsen gegenwärtig durchführt. Bereits Anfang April zogen NPD-AnhängerInnen in Verden durch die Straßen, am 18. Juni wiederholte sich dieses traurige Spektakel in Braunschweig. Am 3. September fuhr die braune Truppe nach Oldenburg, Göttingen soll nun den Abschluss der NPD-Kampagne bilden.
Die Verantwortlichen in der Polizeiführung, sowie in der CDU-Landesregierung, setzten bei den vergangenen Aufmärschen in Niedersachsen auf massive Konfrontation mit den GegendemonstrantInnen. Das unterstreicht angesichts der geringen Anzahl der Neonazis und der massiven Präsenz antifaschistischer Kräfte einmal mehr den politischen Willen der Polizeiführung, Naziaufmärsche als Teil bundesdeutscher Realität durchzusetzen.
Absurd, wenn man schaut, wessen Interessen hier gewaltsam durchgesetzt werden: So fanden sich in Verden ganze 306 Neonazis zu ihrem Umzug ein, in Braunschweig waren es nur noch ungefähr 200, in Oldenburg verblieben schließlich nur noch 70. Verletzte Antifas, SchülerInnen, GewerkschafterInnen und auch BürgerInnen gab es in jeder dieser "polizeilich national befreiten Zonen". Besonders massiv wütete die Polizei dabei in Braunschweig, wo mit Wasserwerfern, Reizgas und wahren Gewaltorgien sogar friedliche Sitzblockaden von der Straße geprügelt wurden. Weil dieser Einsatz auch viele BürgerInnen traf, gab es ein parlamentarisches Nachspiel im Landtag. Inneminister Schünemann verteidigte hier seine harte Linie. So wunderte es nicht, dass auch in Oldenburg der Knüppel aus dem Sack gelassen wurde.
Ein realistisches Szenario für Göttingen könnte also so aussehen: Am 29. Oktober wird das Göttinger Stadtbild durch Polizeikräfte dominiert werden. Ausgerüstet mit Räumpanzern und Wasserwerfern, bestückt mit Reizgas, Schildern und Knüppeln, unterwegs auch wahlweise mit Pferden oder Hunden, werden sie Teile Göttingens in eine "polizeilich national befreite Zone" verwandeln. Diese bedeutet Sicherheit für die Neonazis, für AntifaschistInnen hingegen aber Platzverweise und In-Gewahrsamnahmen. Gerade darum ist es von so großer Bedeutung, die Polizei als eigentliche Vollstreckerin der Naziaufmärsche zu thematisieren. Das gilt um so mehr für die Gewalt, mit der die Einheiten gegen antifaschistische Proteste und Gegenwehr vorgehen.
Stoppt Polizeigewalt!
Keine "polizeilich national befreiten Zonen"!
Nazis machen auf sozial
Das Thema, mit dem die Neonazis in Niedersachsen punkten wollen, lautet "Sozialabbau, Rentenklau, Korruption - Nicht mit uns!". Der Versuch, mit platten populistischen Phrasen reale Probleme der Gesellschaft zu beantworten, endet wie gewohnt im braunen Amoklauf gegen die Realität: An der Erwerbslosigkeit seien "die Ausländer" schuld, "die Juden" hätten zuviel Macht und Frauen zeugten zu wenig "arische" Kinder. Diese faschistischen Ideen knüpfen nahtlos an die Propaganda an, welche die Neonazis im Rahmen der Proteste gegen Hartz IV unter das vermeintliche Volk bringen wollten. Bei den so genannten Montagsdemonstrationen versuchte die NPD in einzelnen Städten und Regionen die Proteste mit zu gestalten, um sich selbst als "soziale Kraft" und "einzige Alternative" darzustellen.
Dass aber die gesellschaftlichen Probleme weitaus tiefer wurzeln, als es das Vorstellungsvermögen selbst ernannter Herrenmenschen hergibt, liegt auf der Hand: So ist der Sozialabbau keine böswillige Gemeinheit von "Juden und Ausländern", sondern vielmehr Produkt eines Gesellschaftssystems, das weltweit zunehmend alle Menschen und ihre Lebensbereiche unter das Diktat von Effizienz und Profitmaximierung stellt. Wer unprofitabel ist, wen der Arbeitsmarkt schlicht nicht mehr benötigt oder wen er nie benötigt hat, wird mit den Almosen des Arbeitslosengeldes II abgespeist und muss sehen, wie er oder sie noch zurecht kommen kann.
Auch die Erwerbslosigkeit ist kein Ergebnis bösartiger Verschwörungen, wie uns die Neonazis erzählen wollen. Sie ist vielmehr Produkt eines Wirtschaftssystems, welches in den klassischen Produktionszweigen durch den Einsatz von immer mehr Maschinen und Computern immer mehr Jobs wegrationalisiert, weil diese einfacher und günstiger durch Technik betrieben werden können. Dieser Prozess wäre an sich durchaus begrüßenswert, schließlich könnte so die gesellschaftlich notwendige Arbeit schneller verrichtet werden und mehr Freizeit für alle dabei rausspringen. So jedoch ist ein zunehmend größer werdender Teil der Menschen "überflüssig" für den gesellschaftlichen Wertschöpfungsprozess geworden. Das ist Folge eines kapitalistischen Wirtschaftssystems, dessen einziges Evangelium der Profit ist.
Hinzu kommt, dass die Unternehmen problemlos die Arbeitszeiten verlängern und Löhne absenken können auf Grund eines gesellschaftlichen Klimas, in dem die Parteien miteinander wetteifern, wer den Kündigungsschutz und andere erkämpfte Arbeitsrechte schneller abschafft. Auch ein Grund, weshalb die Erwerbslosigkeit nicht nachlässt: Anstatt neue Stellen zu schaffen muss die benötigte Arbeitskraft von der verbliebenen Belegschaft aufgebracht werden. Das geschieht in Form von Mehrarbeit. So kommt es, dass auf der einen Seite immer mehr Jobs verschwinden und auf der anderen Seite die Unternehmerverbände durch steigende Arbeitslosenzahlen und ein allgemeines Nützlichkeitsdenken in der Bevölkerung die Bedingungen vorfinden, die Menschen dazu zwingen können, zu immer schlechteren Löhnen und Arbeitsbedingungen zu malochen.
Die Nazis versuchen auf diese gesellschaftlichen Umbrüche mit der Mobilisierung von Vorurteilen gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen zu reagieren. Sie sehen das Klima als günstig an, um ihre wilden Verschwörungstheorien vom Stapel zu lassen. Die Zusammenhänge der Weltwirtschaft werden ignoriert oder zur "jüdischen Weltverschwörung" verklärt. Diskutabel sind solche Plattitüden nicht - gefährlich können sie dennoch werden; in Situationen, in denen sich einzelne "Deutsche" als deklassiert von den Verhältnissen verstehen und die Schuldigen dafür nicht im System des Kapitalismus ' suchen, sondern missgünstig auf ihren arbeitenden ausländischen Nachbar schielen.
Das, was die Neonazis als "sozial" verkaufen wollen ist hinreichend in Geschichtsbüchern dokumentiert: Die Unterordnung in eine autoritäre und hierarchische deutsche "Volksgemeinschaft", in der die Ausmerzung des "Fremden" gleich mitgedacht wird. Konsequent ausgeblendet werden in dieser "Volksgemeinschaft" die GewinnerInnen und VerliererInnen des Kapitalismus'. Die völkische Zugehörigkeit kennt keine Klassen. Da ist es auch nur konsequent, dass die NPD nach ihrem Vorbild der NSDAP einen Zwangsarbeitsdienst für Erwerbslose fordert. Was daran sozial ist? Gar nichts...
Unsere Antwort auf die "Konkurrenz der Standorte" und die nationalistischen und rassistischen Mobilisierungen kann nur die internationale Solidarität sein. Gleiches gilt für die kapitalistische Globalisierung. Dem weltweiten Angriff auf soziale Rechte, auf Arbeitsbedingungen, sowie auf die Privatisierung lebenswichtiger Bereiche, kann nur durch Vernetzung und Organisierung von Widerstand entgegengetreten werden. Dieser Widerstand muss sich ebenso international orientieren wie die Angriffe des Kapitals. Unsere Perspektive kann nur sein, "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist" (Marx). Alles für Alle!
Klassenkampf statt Vaterland!
Ein Blick in die Neonazi-Szene
Um es gleich vorweg zu nehmen: Ohne den Schutz durch Polizei und Gerichte würde es heute in der Bundesrepublik kein solches Naziproblem geben. Als ab 1997 wieder regelmäßig Neonazis durch die Bundesrepublik marschierten, mobilisierten bürgerliche wie radikale Linke gegen diese Aufmärsche. Die Gegendemonstrationen und -aktivitäten waren und sind stets zahlenmäßig um ein Vielfaches größer als die kümmerlichen Aufmärsche der extremen Rechten. Ohne den massiven Polizeischutz hätten die Neonazis wohl nur selten ohne blaue Augen oder Schlimmeres versucht, einen Aufmarsch in einer x-beliebigen Stadt durchzuführen. So aber wurden Naziaufmärsche in der Bundesrepublik als Teil deutscher Realität durchgesetzt. Das zeigte auch Auswirkungen auf die Neonazi-Bewegung, deren Selbstbewusstsein hinter den sie schützenden Polizeischildern zu wachsen begann.
Dafür spricht auch die Entwicklung der faschistischen Szene, welche in den '90er Jahren bis zum Beginn des neuen Jahrtausends von Zersplitterung und Rivalität bestimmt war. Das hat sich geändert: Einerseits wurden die Neonazis in vielen Teilen der Republik stärker; nicht nur im Osten wurden so genannte "national befreite Zonen" gefährliche Realität. Weit über 200 Morde an MigrantInnen, Homosexuellen, Obdachlosen und Linken wurden seit 1990 durch Neonazis in der BRD verübt - die Justiz ahndete sie zumeist mit nur geringen Strafen.
Andererseits wurde, spätestens aufgrund des gescheiterten Verbotsverfahren gegen die NPD, auch der Organisationsgrad der extremen Rechten höher: Heute sind fast alle maßgeblichen rechtsextremen Gruppen und Organisationen unter dem Dach der NPD vereint - sowohl die Deutsche Volksunion (DVU), als auch Teile der Republikaner und der "Freien Kameradschaften".
Mit ihrem Einzug in den sächsischen Landtag im September vergangenen Jahres sah sich die NPD dann auch auf Erfolgskurs. Immer wieder konnten sie ihre Propaganda als "Skandale" in der Tagespolitik und auf den Titelseiten der Presse unterbringen, teilweise mit aktiver Befürwortung durch Abgeordnete anderer Fraktionen wie der CDU. Zumindest in dem diesjährigen Bundestagswahlkampf hatte es die NPD jedoch schwerer. Anstelle medialer Dauerberichterstattung über die nationalistischen Ausfälle rückte nun die neu gegründete Linkspartei mit ganz anderen Themen in den Fokus.
Fest zu halten bleibt: Die Neonazis sind inzwischen ein scheinbar unbeliebter, aber fester Teil der politischen Landschaft der Berliner Republik geworden. Zudem erhielten sie durch den Parteistatus der NPD viele Millionen Euro für ihre rechtsextremistische Propaganda vom Staat. Dennoch sind sie bislang gesellschaftlich verhältnismäßig irrelevant. Das gilt besonders für Göttingen. Auch eine ganze Serie von rangekarrten Naziaufmärschen wird am Kräfteverhältnis in der Stadt so schnell nichts ändern. Darauf darf sich aber nicht ausgeruht werden, denn sonst wird unterschätzt, dass mit einer langsamen Gewöhnung auch eine schleichende Klimaveränderung einhergehen kann. Der deutsche Blockwart ist auch in Göttingen nicht weniger rassistisch als sonst irgendwo im Land, nur traut er sich noch nicht, seinen Rassismus jenseits von Leserbriefspalten und Stammtischparolen offen auszuleben. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass es so bleibt!
Zerschlagt die Nazibanden!
Von voelkischen und demokratischen Rassisten
Der Rassismus ist keine Denkweise, die nur den Neonazis eigen wäre. Während sie Rassismus vor allem über die Hautfarbe und angebliche Rassenunterschiede konstruieren und naturalisieren, findet sich in der Gesellschaft mehrheitlich ein kultureller Rassismus. Er basiert darauf, Kulturkreise als miteinander unvereinbar darzustellen und sie hierarchisch zu bewerten - gerade in der Zeit des "Krieges gegen den Terror" haben solche Ideologien Hochkonjunktur.
Der Umgang mit MigrantInnen ist immer ein politisch umkämpftes Thema gewesen und sowohl die Neonazis, als auch die so genannte politische Mitte, arbeiten nicht nur beim "Luftkampf über den Stammtischen" massiv damit: Die Nazi-Enkel versuchen mit deutschnationalen Phrasen und rassistischer Hetzte auf Stimmenfang zu gehen. Ihrer Meinung nach gibt es ohnehin viel zu viel Ausland auf der Welt und selbstverständlich ist das Ausland auch an allem schuld - von der Globalisierung über Hartz IV bis womöglich hin zu dem verregneten Sommer gibt es wenig, woran nach NPD-Auffassung keine "Ausländer" schuld wären.
Die gesellschaftliche Mitte hat die Brisanz des Themas ebenfalls erfasst, jedoch mit einem anderem Tenor. Wenn die rot-grüne Regierung auf ihre Kampagne zur "Doppelten Staatsbürgerschaft" und auf das "Zuwanderungsgesetz" verweist, wird regelmäßig betont, dass diese für "Fortschritt und Offenheit" stünden. Doch bei genauerem Hinsehen bleibt davon wenig übrig. Zwar wurde das Credo der Konservativen, nach dem "Deutschland kein Einwanderungsland" sei, über den Haufen geworfen - verbessert hat sich die Situation der MigrantInnen aber dadurch keineswegs. Es existieren nun zwar einige legale Zugänge um in dieses Land zu kommen, jedoch sind sie mittlerweile entsprechend Günther Becksteins (CSU) Auffassung "Wir brauchen mehr Ausländer, die uns nützen, und weniger, die uns ausnützen" umgesetzt: Menschen, die "nützlich", d.h. verwertbar für die deutsche Nationalökonomie sind, dürfen zumeist befristet in der BRD leben und arbeiten. Menschen zweiter Klasse bleiben sie dennoch.
Dieser Verwertungsrassismus bedient die Notwendigkeiten, mit denen sich ein moderner bürgerlicher Nationalstaat abgeben muss, wenn er im Rennen um "den Standort" nicht ins Hintertreffen geraten will. Nur wer wirtschaftlich, zum "Wohle des Standortes" benötigt wird, darf kommen - für alle anderen ist die Schraube aus Illegalisierung, Menschenjagd, Internierung und Abschiebung massiv angezogen worden - die Festung Europa nimmt immer mehr ihre brutale Gestalt an. MigrantInnen und speziell Flüchtlinge sind sozial und rechtlich stark benachteiligt. Sie fallen unter das Ausländergesetz, ein rassistisches Instrumentarium, welches im Falle von Flüchtlingen sogar regelt, wie und wo ein Mensch zu arbeiten, zu wohnen und sich zu bewegen hat und was er wo einkaufen darf. Und als finale Lösung winkt für die "Unerwünschten" die Abschiebung - nicht selten in Folter und Tod.
Jüngstes Beispiel dieser Politik ist der Fall des staatenlosen Libanesen Ahmed Saado aus der Region Göttingen, der seit über 20 Jahren mit seiner Familie in Deutschland lebte. Er wurde unter der Regie von Manfred Fraatz, Leiter der Göttinger Ausländerbehörde, kurzerhand zum Türken erklärt und, obwohl schwer krank und akut Selbstmord gefährdet, in die Türkei abgeschoben. In ein Land, welches er nicht kennt, in dem er keine sozialen Kontakte hat und dessen Sprache er nicht spricht. Ahmed Sado ist kein Einzelfall, wie ihm ergeht es vielen tausend Menschen pro Jahr. Die Konsequenzen dieses "demokratischen Rassismus" sind gesellschaftlich weitaus gravierender als die Morde der Nazis. Flüchtlinge in der Region Göttingen werden nicht primär von Neonazis bedroht, sondern weitaus mehr von den Ausländerbehörden. Die Hirne der Neonazis sind derart vernagelt vom ganzen deutschnationalen Schrott, dass sie selbst mit den "Erfolgen" des "demokratischen Rassismus" nichts anzufangen wissen.
Alle Rassisten sind Arschlöcher - überall.
Faschisten bekaempfen - auf allen Ebenen - mit allen Mitteln!
Der Naziaufmarsch am 29.Oktober 2005 ist auch ein direkter Angriff gegen die antifaschistische Kultur in der Stadt Göttingen und deshalb rufen wir alle Menschen auf, sich dem Aufmarsch mit den ihnen entsprechenden Mitteln und Möglichkeiten entgegen zu stellen.
Diese Möglichkeiten des Protestes und des Widerstandes beginnen nicht erst am Tag des Naziaufmarsches selbst, sondern bereits im Vorfeld. Dazu gehört die aktive Behinderung von Propaganda und Auftritten der NPD, wie auch die breite öffentliche Thematisierung des Naziaufmarsches und damit einhergehend der Rolle der Polizei in der Stadt durch die bürgerliche und linke Öffentlichkeit. Darüber hinaus gilt es, Vorbereitungen für den Tag des Aufmarsches zu treffen und zu überlegen, wie und wo man persönlich etwas gegen den Naziaufmarsch unternehmen kann. Auch kulturell heißt es dabei zu vermitteln, dass die Neonazis nicht nur in Göttingen bekämpft werden müssen. Wir werden daher bereits im Vorfeld des Naziaufmarsches am 14. und 15. Oktober mit einem 2-tägigen antifaschistischen Musikfestival im Jungen Theater Menschen auf kultureller Ebene gegen den Naziaufmarsch mobilisieren.
Für den 29. Oktober 2005, den Tag des Naziaufmarsches, rufen wir dazu auf, sich den FaschistInnen direkt in den Weg zu stellen, den Aufzug der Nazis gemeinsam mit anderen linken und antifaschistischen Gruppen wenn möglich zu verhindern, zumindest aber massiv zu behindern. Dazu zählen für uns neben direkten Aktionen auch Blockaden und Proteste auf der Aufmarschroute. Zeigen wir den Neonazis, dass sie auch in Göttingen nicht geduldet werden!!!
An den antifaschistischen Infopunkten, auf dem Platz der Synagoge und im Bereich des Unicampus', sowie über das Antifa-Infotelefon könnt ihr euch kontinuierlich auf dem Laufenden halten und über die aktuellen Möglichkeiten, den Naziaufmarsch zu behindern informieren. Das Stadtradio Göttingen wird in einer Sondersendung live von den Brennpunkten berichten.
Wir werden mit einem Antifa-Block in der Bündnisdemo präsent sein. Wir wollen damit öffentlich ansprechbar und sichtbar sein und allen Menschen, die dieses möchten, ein Forum für linksradikalen, antifaschistischen Protest bieten.
Hoch die internationale Solidarität!
Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!
Den Naziaufmarsch gemeinsam kippen!
Antifaschistische Linke International >A.L.I.<
Göttingen, im September 2005
Bündnis gegen den Naziaufmarsch
Bereits kurz nach Bekanntwerden der NPD-Pläne hat sich in Göttingen ein ein Aktionsbündnis gegen Rechts zusammengefunden. Die >A.L.I.< beteiligt sich an diesem Bündnis.
Im folgenden findet ihr den Bündnisaufruf:
Göttingen zeigt Gesicht - Gegen NPD und andere Nazis!
Am Samstag, den 29. Oktober 2005, will die NPD gemeinsam mit militanten Kameradschaften am Göttinger Bahnhofsplatz aufmarschieren. Bereits seit Anfang des Jahres wird dafür bundesweit geworben. Wir sagen, dass die NPD und ihr Anhang weder in Göttingen noch anderswo etwas zu suchen haben! Mit ihrem Motto "Sozialabbau, Rentenklau, Korruption - Nicht mit uns!" versucht die NPD, Scheinlösungen für real vorhandene soziale Probleme, wie Massenerwerbslosigkeit oder Sozialabbau in die Öffentlichkeit zu tragen. Diese Scheinlösungen beruhen im Kern darauf, einen Teil der hier lebenden Menschen, z.B. Migrantinnen und Migranten auszugrenzen und zu Schuldigen zu erklären. Die tatsächlichen Ursachen und die Verantwortlichen werden nicht benannt.
Nazis lösen keine sozialen Probleme! Erwerbslosigkeit ist kein Phänomen, das die hier lebenden Migrantinnen und Migranten verursachen. Sie ist das Ergebnis des bestehenden Wirtschaftssystems und einer neoliberalen Wirtschaftspolitik, in der die Unternehmensgewinne immer öfter vor dem Allgemeinwohl rangieren. Sozialabbau ist das Ergebnis politischen Handelns, das wir mit unserem Engagement und durch Wahlentscheidungen beeinflussen und verändern können. Die von der NPD vorgeschlagenen Lösungen würden nur zu einer Verschlechterung der Lebensbedingungen der abhängig Beschäftigten führen. Gegen die menschen- verachtenden "Ausländer raus!"-Parolen setzen wir unsere Vorstellungen einer sozial gerechten Welt. Es gilt, am 29. Oktober nicht nur der NPD und der Nazi-Szene entschieden entgegenzutreten, sondern sich jedem rassistischen und nationalistischen Denken zu widersetzen - egal wo und wie es sich zeigt. Eine sich immer weiter verschärfende Abschiebepraxis ist Wasser auf die Mühlen der Nazis; sie knüpft nahtlos an deren ausländerfeindliche Politikvorstellungen an. Nationalismus und Rassismus entstehen auch aus der Mitte der Gesellschaft heraus. In der Vergangenheit ist es durch die Arbeit unseres breiten Bündnisses und durch die Entschlossenheit der vielen antifaschistischen Bürgerinnen und Bürger Göttingens gelungen, die Aufmärsche der NPD zus toppen. Wir fordern alle Menschen auf, sich mit ihren Mitteln und Protestformen an den Aktivitäten gegen den Nazi-Aufmarsch zu beteiligen, um ihn möglichst schon im Vorfeld zu verhindern. Lassen wir es nicht zu, dass die Nazis ungestört ihre menschen- verachtende Propaganda verbreiten können!
Über 60 Organisationen, Parteien und Einzelpersonen haben den Aufruf mittlerweile unterzeichnet. Neben der >A.L.I.< wird der Aufruf auch von antirassistischen und sozialistischen Gruppen, Gewerkschaften, den Ortsverbänden von Linkspartei, SPD und Grünen, sowie von Kirchen, dem Jüdischen Lehrhaus und linken Unigruppen getragen.
Nicht mit dabei sind die CDU mit ihren Krabbelgruppen Junge Union und RCDS. Ebenfalls aufgrund inhaltlicher Probleme musste sich der Vorsitzende des mitte-rechts AStA, aus "wir sind dumm und unpolitisch" ADF und "ich bin hässlich aber karrieregeil" RCDS, vom Bündnistreffen verabschieden. Der AStA-Vorsitzende vor seinem erzwungenen Abgang: "Dann habe ich jetzt auch keine Lust mehr was gegen Nazis zu machen" und "wenn ich nicht mitspielen darf, müsst ihr eben auf die Studierenden verzichten". Selten so gelacht!
 
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letzte Aktualisierung: 30.10.05