20. Januar 2008
Lothar Kannenberg und das Trainingscamp - Wahlkampfhilfe für die CDU
Kannenberg auf allen Kanälen
Zum Schwerpunkt im hessischen Landtagswahlkapf machten Roland Koch und die CDU zuletzt das Thema Jugendkriminalität. Der Ministerpräsident mahnte dabei einen vermeintlich hohen Anteil von "ausländischen" Straftätern an und schreckte auch nicht davor zurück, die Anwendung eines Strafrechts bei Kindern zu fordern. Rückendeckung holte sich der Wahlkämpfer Koch dabei nicht nur von seinem Innenminister, der spontan passende Statistiken vorlegte, sondern auch bei jenem Lothar Kannenberg, über dessen Jugenderziehungseinrichtung wir bereits kritisch berichteten.
Lothar Kannenberg betreibt in Diemelstadt-Rhoden die "Jugendhilfeeinrichtung Trainingscamp Lothar Kannenberg". Jugendliche Straftäter, welche nach dem Jugendstrafrecht zu Arrest verurteilt sind, werden in Einzelfällen vor die Wahl gestellt, an Stelle des Arrests in einer entsprechenden Anstalt des Landes einen vergleichbaren Zeitraum im Trainingscamp des Lothar Kannenberg zu verbringen. Jugendarrest ist ein im deutschen Jugendstrafrecht vorgesehenes Zuchtmittel (§ 16 JGG), das als Freizeitarrest, Kurzarrest oder Dauerarrest verhängt wird.
Der Betreiber der Anstalt, Lothar Kannenberg, hat jedoch weder ein passendes Studium abgeschlossen, noch hat er Erzieher gelernt oder sonstige adäquaten Qualifikationen erworben. Kannenberg hat selbst eine schwere Kindheit und Jugend durchlebt, erfuhr von seinen Erziehungsberechtigten Gewalt. Er schloss eine Fleischerlehre ab und errang als Berufsboxer u. a. die Hessenmeisterschaft. Eine Alkoholtherapie und eine zeitweilige Drogenabhängigkeit kennzeichnen außerdem den Lebenslauf des heutigen Leiters einer Erziehungseinrichtung.
1998 begann Kannenberg als Streetworker im Stadtteil Philippinenhof für die Stadt Kassel zu arbeiten und gründete 1999 das Jugendsozialprojekt "Boxcamp Philippinenhof Kassel". Das heute noch bestehende Boxcamp will Jugendlichen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung bieten. Die Kids lernen über den Sport die Regeln der Fairness und können durch kleine Erfolge ein gesundes Selbstwertgefühl aufbauen. Die Einrichtung errang so in Kassel schnell viel Zuspruch und Unterstützung. Vorbildlich und viel zu selten schienen solche Engagements zu sein. So wundert es nicht, dass schnell auch die örtliche Politik ein gewisses "Potential" für sich entdeckt zu haben schien. Jene Politiker, die in der Verantwortung für die Etats von Jugendhilfe, Kitas, Schulen, Sozialwesen und Stadtteilarbeit stehen und die am Ende verantwortlich zeichnen für die fortwährenden Kürzungen in den o. g. Bereichen lobten das Engagement und warben für die Unterstützung der Einrichtung. Für den Betreiber Lothar Kannenberg konnte es gar nicht besser laufen.
Im Jahr 2004 gründete Kannenberg sodann den Verein "Durchboxen im Leben e.V." und die "Jugendhilfeeinrichtung Trainingscamp Lothar Kannenberg". Auf einem Bilderbuch-Grundstück in der Fulda-Schleife, dem Gut Kragenhof, richtete Kannenberg ein Heim ein, in dem er sich fortan Jugendlichen annahm, die diese Alternative zum Jugendarrest freiwillig wählten. Diese freiwillige Wahl sollte angesichts der Verhältisse in deutschen Haftanstalten und der Aussicht, in einer solchen einsitzen zu müssen allerdings sehr kritisch gesehen werden.
Die Einrichtung sorgte dann mit der Vorstellung in diversen Fernsehsendungen für bundesweite Aufmerksamkeit. Als neuartige Alternative mit womöglich hoher Erfolgsquote wurde das Trainingscamp insbesondere auf den kommerziellen Sendern vorgestellt. Auch Günther Jauch holte Kannenberg in seine Sendung Stern-TV. Dass die Fernsehberichte teilweise schockierende Methoden dokumentierten, kümmerte nur wenige Zuschauer. Gewalt, Erniedrigung und der Bruch der jungen Persönlichkeiten schienen vielmehr sehenswert im Rahmen der heute so beliebten Reality-Sendungen. Der Stoff reichte Sendern wie RTL II für eine ganze Reality-Serie im Trainingscamp Lothar Kannenberg. Und so sah der Zuschauer, wie Jugendliche nach einer Stunde Schlaf wieder geweckt und zu einem Halb-Marathon durch die Nacht getrieben wurden. Sie sahen Liegestütz-Orgien, diszipliniertes Antreten in einer Reihe und erlebten, wie die Jungen oft sich selbst überlassen wurden und sich dann selbst gegenseitig disziplinierten. Was als Boxcamp im Kasseler Stadtteil Philippinenhof begonnen hatte, schien zu einer Zuchtanstalt geworden zu sein, wie man sie bisher nur von Berichten aus den USA kannte, die sogenannten bootcamps.
Der zweifelhafte Erfolg des selbsternannten Pädagogen gipfelte in der Verleihung der "Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland" und der Ehrung durch Bundespräsident Horst Köhler als "Vorbild in Deutschland". Was eine solche Auszeichnung bedeutet, das erfuhren auch die frühen Kritiker. So wurde eine Anzeige gegen Kannenberg wegen der Misshandlung Schutzbefohlener (§ 223 b StGB) zunächst gar nicht ernst genommen. Als der Besitzer des Gut Kragenhof nach Umzug des Trainigscamps nach Diemelstadt-Rhoden feststellen musste, dass das Gebäude und diverse Einrichtungen teilweise schwer beschädigt worden waren, hatte niemand Verständnis für seine Situation und seine Forderung nach Schadenersatz.
Kannenberg, der längst nicht mehr nur Gönner in den Reihen der Stadtoberen Kassels hatte, erhielt nun massiv Unterstützung von der hessischen Landesregierung. Eine Waldarbeiterschule zum Vorzugspreis und einen sechsstelligen Betrag zur Förderung des Vereins erhielt der ehemelige Boxer und betreibt seine Einrichtung seither in Diemelstadt-Rhoden.
Wer sich in den letzten Tagen durch das Fernsehprogramm zappte, entdeckte Kannenberg in der NDR-Talkshow, in der Sendung TV-Total mit Stefan Raab oder in Wiederholungen von Sendungen wie "Karen in Action", einem Wissensmagazin für Kinder im Bayerischen Rundfunk. Kannenberg auf allen Kanälen. Kritisch hinterfragt wurden die Methoden des Camp-Leiters dabei nie ernsthaft. Wer sich bereits zuvor mit dem Thema befasste, musste feststellen, dass die Redaktionen der Sendungen offenbar ohne jede Recherche und Vorbereitung zu diesem Thema auskommen. Vielmehr liess man dem rhetorisch nur begrenzt talentierten ehemaligen Boxer viel Raum, von den Zuständen und Methoden im Camp abzulenken und seine persönliche, zugegeben sehr traurige Lebensgeschichte zu schildern. In den gemütlichen Fernsehsesseln vor den Bildschirmen verflog dann bei manchem Zuschauer der letzte Zweifel.
Dass Lothar Kannenberg nun zum Wahlkampfhelfer für Roland Koch und die hessische CDU geworden ist, ist schlicht kein Wunder. Gleich in mehrfacher Hinsicht ist Kannenberg ein nützlicher Helfer für den hessichen Ministerpräsidenten. Zunächst sei an die diversen Privatisierungsmassnahmen erinnert, die Roland Koch in seiner Amtszeit intensiv vorangetrieben hat. Die Proteste der Hessen, wie zum Beispiel gegen die faktische Privatisierung des Landeswohlfahrtsverbandes, kamen viel zu spät. Koch denkt schon einen Schritt weiter und plant möglicherweise bereits den Verkauf weiterer Landesbehörden. Ein privatisierter Strafvollzug könnte ein nächster Schritt sein. Als Vorbild würde dann die ach so erfolgreiche Einrichtung des Lothar Kannenberg dienen.
Darüber hinaus setzt Koch wie die TV-Sender offensichtlich darauf, dass die Methoden des Lothar Kannenberg bei vielen Menschen Zustimmung finden. So fehlt es der Jugend ja nach einem verbreiteten Vorurteil an Disziplin und Gehorsam. Dass Koch auf solch populistische Vorurteile setzt ist nicht neu.
Wir sagen an dieser Stelle nochmals laut und deutlich: Was Jugendlichen fehlt ist eine positive Perspektive! Diese beginnt mit einem Kita-Platz und geht weiter bis zu einem gebührenfreien Studium oder einem Ausbildungsplatz.
Stephan Siebrecht, antimanifest
Querverweis: unsere Artikel
Jugendhilfe zwischen Märchenmühle und Wahnhausen vom 18.03.2007
Jugendhilfeeinrichtung Gut Kragenhof - Chance oder Misshandlung? vom 23.10.2006
Zur Unterstützung einer kritischen Berichterstattung möchten wir auch auf nachfolgende Veröffentlichungen hinweisen:
"Wir sind nicht im Mittelalter"
Hesisch-Niedersächsische Allgemeine vom 17.01.2008
"Integration und Prävention statt Erziehungscamps!"
Nordhessische Neue Zeitung vom 13.01.2008
in der Tagungsreihe Kinderkram - UmErziehung
Ergebnisse der interdisziplinäre Tagung zur pädagogischen Einflußnahme
auf „gefährliche“ und „gefährdete“ Kinder und Jugendliche
vom 24. bis 25. November 2007 in der Evangelischen Akademie Bad Boll
Hesisch-Niedersächsische Allgemeine vom 17.01.2008
"Wir sind nicht im Mittelalter"
Interview mit einem Opfer des DDR-Systems zu Lothar Kannenbergs Trainingscamp
von Frank Thonicke
Stefan Lauter (40) saß in der DDR als Jugendlicher vier Monate lang im berüchtigten geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Sein Vergehen: Er war aus der Staatsorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ) ausgetreten und hatte sich einer evangelischen Gemeinde angeschlossen. Heute ist er anerkannter politischer Häftling der ehemaligen DDR. Wir sprachen mit Stefan Lauter über die Lehren von Torgau und das Trainingscamp von Lothar Kannenberg.
Herr Lauter, was sagen Sie zu Kannenbergs Trainingscamp?
Lauter: Was da passiert, ist nicht nur verwerflich, sondern auch Nonsens. Wir entrüsten uns zu Recht über elterliche Gewalt, und bei Kannenberg gibt es eine staatlich geförderte Einrichtung, in der Menschenrechtsverletzungen an Schutzbefohlenen an der Tagesordnung sind. Deswegen habe ich auch gegen Kannenberg und andere im März 2007 Strafanzeige unter anderem wegen Misshandlung Schutzbefohlener, Körperverletzung und Nötigung gestellt.
Und? Was ist draus geworden?
Lauter: Mein Eindruck ist, dass sich die Staatsanwaltschaft Kassel schwertut. Man versucht, die Verfahren einzustellen. Zurzeit laufen Beschwerdeverfahren beim hessischen Generalstaatsanwalt.
Was werfen Sie Kannenberg konkret vor?
Lauter: Was überhaupt nicht geht, ist zum Beispiel der Sportdrill mit täglich bis zu 20 Kilometer Laufen oder mehreren hundert Liegestützen. Dazu kommen menschenunwürdige Behandlungen wie damals das Baden in der eiskalten Fulda und auch Essensentzug. Und so genannte Respekttrainer drücken Jugendliche zuweilen mit dem Kopf in den Dreck. Absolut unerträglich ist es, dass die Jugendlichen in diversen Fernsehshows auch noch vorgeführt werden. Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter, in dem es einen Pranger gab.
Nun heißt es von CDU-Seite: Ihr habt zwar in der DDR Schlimmes erlebt, aber bei Kannenberg haltet Euch raus.
Lauter: Wenn überhaupt jemand Vergleiche ziehen kann, dann sind wir es, die ehemals Betroffenen von Torgau. Wenn ich mir Kannenbergs Erziehungsmethoden ansehe, dann sind es die gleichen wie in Torgau. Die Enquête-Kommission der Bundesregierung hat erklärt, Torgau sei die Bankrotterklärung der Heimerziehung und Pädagogik in der DDR. Ich sage, das System Kannenberg ist die Bankrotterklärung der hessischen Landesregierung in der Jugendhilfe.
Nordhessische Neue Zeitung vom 13.01.2008
"Integration und Prävention statt Erziehungscamps!"
In einer gemeinsamen Erklärung haben sich der Landeselternbeirat von Hessen, die Landesschülervertretung und der Landesausländerbeirat gegen Erziehungscamps und härtere Strafen ausgesprochen. Diese seien wenig hilfreich zur Bekämpfung der Jugendgewalt. Statt dessen forderten die Gremien frühe Integration und mehr Prävention.
Weiter heißt es in der Erklärung der drei Vertretungen:
„Kriminelle Jugendliche haben oft keinen Schulabschluss, keine Arbeit und damit keine Lebensperspektive. Wichtig ist, dass alle Kinder ausreichend gefördert werden, damit sie ihre Zukunft gestalten können – auch und insbesondere Kinder mit Migrationshintergrund.
Und da hat die Politik versagt:
Schule sollte ein Ort der Integration sein. Wir brauchen eine Schule, die jedes Kind fördert, damit kein Kind die Schule ohne Abschluss verlässt. Je früher die Förderung anfängt, umso besser. Wir brauchen eine Schule, die nicht nur „Stoff vermittelt“, sondern auch ein Ort des Zusammenlebens ist. Das heisst wir brauchen viel mehr Ganztagsschulen, damit Kinder mehr Zeit zum Lernen haben und nachmittags nicht allein gelassen sind. Wir brauchen Schulen, wo sich neben den Lehrer/innen auch Sozialarbeiter/innen um die Kinder und Jugendlichen kümmern.
Schule sollte ein Ort der (Gewalt-)Prävention sein. Wir brauchen mehr Schulpsychologen, die sich um Gewaltprävention kümmern, um Lern- und Verhaltensprobleme einzelner Schüler/innen sowie um die Beratung von Lehrkräften und Eltern. Obwohl der Hessische Landtag bereits im Mai 2006 einstimmig „Maßnahmen gegen Verrohung und Gewalt an hessischen Schulen“ beschlossen hat, darunter „den systematischen Ausbau eines flächendeckenden Netzes schulpsychologischer Dienste und die Sicherstellung einer fachpsychologischen Beratung der Schulen in Fragen der Gewaltprävention“, ist bis heute nichts geschehen. Im Rahmen eines Sofortprogramms ist die Zahl der Schulpsychologen, Sozialpädagogen und Schulsozialarbeiter drastisch zu erhöhen. Ein Verhältnis wie 15.000 Schüler: 1 Schulpsychologen ist nicht weiter hinnehmbar. Gewaltpräventionskonzepte, die sich allein auf die Schulung von Schülern und Lehrern konzentrieren sind unzureichend. Konzepte zur Gewaltprävention müssen professionell umgesetzt werden.
Kinder brauchen Zuwendung und klare Strukturen. Kriminellen Jugendlichen fehlt es oft an Zuwendung und klare Strukturen. Schule kann die Familie nicht ersetzen, aber Schule kann ein Lebensraum sein, wo Kinder und Jugendliche Zuwendung und klare Strukturen erfahren.
Jugendliche brauchen Perspektiven. Noch enden zu viele schulische Karrieren ohne Abschluss. Jährlich bekommen hunderttausende Jugendliche keinen Ausbildungsplatz. Hunderttausende Jugendliche sind nach der Schule chancenlos. Der Staat muss hier eingreifen und Perspektiven garantieren.
Eltern brauchen Unterstützung. Alle Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Tatsache ist aber auch, dass Eltern manchmal unsicher sind in Erziehungsfragen. Wir brauchen viel mehr Beratungsstellen, wo Eltern Rat und Hilfe finden, damit sie in ihrer Erziehungsaufgabe unterstützt werden.“
in der Tagungsreihe Kinderkram
UmErziehung
Interdisziplinäre Tagung zur pädagogischen Einflußnahme
auf „gefährliche“ und „gefährdete“ Kinder und Jugendliche.
Das folgende Interview gibt einen Überblick zu den Inhalten der Tagung zur pädagogischen Einflußnahme auf „gefährliche“ und „gefährdete“ Kinder und Jugendliche vom 24. bis 25. November 2007 in der Evangelischen Akademie Bad Boll.
Wie war die Tagung? Interview mit dem Tagungsleiter Dierk Schäfer.
„Problemkids“ stehen im Tagungstitel, gefährdet und gefährlich, was ist damit gemeint?

Es geht nicht um Jugendliche allgemein, sondern um die, die stören, die wir für störend halten, aber auch für gestört, je nach Standpunkt und Anlaß. Im Vortrag von Dr. Mallmann war die Rede von Kindern mit emotionalen Störungen, von denen dann Störungen ausgehen.

Sind mit emotionsgestört die Jugendlichen gemeint, die kaltblütig sind und auch so handeln?

Ja, zum Beispiel.

Und wie unterscheidet man die coolen Typen, die im Knast landen, von denen, die ganz emotionsfrei
rücksichtslos und erfolgreich ins Wirtschaftsleben einsteigen?

Durch den Erfolg. Die zweite Gruppe hat im Unterschied zur ersten, nicht nur Erfolg, sondern bekommt auch noch gesellschaftliche Anerkennung. Ob die emotionale Störung bei ihnen eine andere ist, kann ich nicht beurteilen. Aber es ist doch verständlich: eine Gesellschaft wird sich immer nur gegen Verhaltensweisen wenden, die sie für Störungen hält.

Gut, das erklärt die Zusammenstellung der Referatthemen, denn die vorgestellten Maßnahmen haben eine erkennbare Schlagseite in Richtung „Prekariat“, soweit sich deren Kinder störend bemerkbar machen, also gefährlich sind. Was ist mit den „Gefährdeten“ aus dem Tagungstitel?

Die Schnittmenge zwischen beiden Gruppen ist groß. Zwar sind oder werden nicht alle Gefährdeten gefährlich, aber weitgehend alle Gefährlichen waren gefährdet.

Wie soll ich das verstehen?

Die Untersuchungen zeigen in den Biographien der „Täter“ vielfach massive Gefährdungen auf, angefangen von Bindungen, die nicht aufgebaut werden konnten, über Verwahrlosung, Mißhandlung und Mißbrauch. Weitere Gefährdungen sind später und teilweise aus den ersten herrührend schulischer Mißerfolg und Perspektivlosigkeit an der Schwelle zum Erwachsenenleben. Der Pädagoge Prof. Scherr hat sich in seinem Einführungsreferat nachdrücklich gegen alle Versuche gewandt, die den Zusammenhang von Opfererfahrungen und Täterschaft ausblenden und so zu einer täterorientierten Individualpädagogik beitragen und gesellschaftspolitische Desiderate außer acht lassen. Dies ist eine Fundamentalkritik, die zwar nicht von individualpädagogischen Maßnahmen entbindet, aber bereits beim Stichwort Perspektivlosigkeit greift, denn diese kann nicht primär dem Jugendlichen angelastet werden, sondern ist für viele Jugendliche ein unausweichliches Faktum. Auch die auf der Tagung vorgestellten Maßnahmen können nicht die Perspektivlosigkeit durch Zukunftshoffnung verdrängen. Wenn keine Arbeitsplätze da sind, bleibt das dumpfe Gefühl, in dieser Gesellschaft überflüssig zu sein.
Wie kann man angesichts dieses Bündels von Problemen überhaupt erfolgversprechend mit solchen Jugendlichen arbeiten?
Dazu wurden ja einige recht unterschiedliche Modelle vorgestellt, darunter viele Maßnahmen, die stark persönlichkeitsinvasiv arbeiten, wie ich das genannt habe.

Was meinen Sie damit?
Es geht letztlich um einen Umbau von problematischen Persönlichkeiten. Darum steht ja der von manchen als anstößig empfundene Begriff der Umerziehung im Tagungstitel. Nehmen Sie das Trainingscamp von Herrn Kannenberg mit dem Logo „Durchboxen ins Leben“. Leider war er persönlich verhindert, so daß ich auf der Tagung im wesentlichen nur auf das Material von seiner Homepage zurückgreifen konnte, um sein Modell vorzustellen. Ergänzt wurde mein Vortrag durch Informationen von Tagungsteilnehmern.
Und wie geht das mit dem Umbau der Persönlichkeit?

Die geschieht bei Kannenberg unter Rückgriff auf bekannte Rituale; er benennt das auch so. Die Aufnahme ins Trainingscamp beginnt mit einer Art Taufe: Der Neue wird ins kalte Wasser der Fulda geworfen. Auf der Kannenbergschen Web-Seite sieht man einen Jugendlichen. Er hat in großen Buchstaben auf seine Jeans-Jacke geschrieben: Ab hier beginnt ein neues Leben für mich! – und darunter wie ein Logo gestaltet: Drogen und Gewalt für mich vorbei. Es scheint auch vorzukommen, daß die Zöglinge einander kahl scheren und sie müssen ihr Grab schaufeln.

Wie bitte, ihr Grab?

Sie haben richtig gehört. Grabritual heißt es im Konzept. Jeder Jugendliche schaufelt sein Grab. Hinein kommen Belegstücke seiner Problematik, zum Beispiel Rauschgiftutensilien. Auf dem Grabkreuz steht sein Name und er begräbt damit sein bisheriges Leben. Die Religionswissenschaft würde hier von Bekehrungsstrukturen sprechen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß solch ein Ritual therapeutische Funktion haben kann. Doch weder Herr Kannenberg noch seine Mitarbeiter sind Therapeuten. Sie könnten einen Jugendlichen, der bei dem Ritual überfordert ist und dekompensiert, nicht therapeutisch auffangen. Aber die Parallelen zur Religion gehen noch weiter. Askese und Entbehrung prägen das Konzept. Ein strammer, klosterähnlicher Tagesablauf mit exzessivem Sport, Gruppendruck, Gehorsamspflicht – und zuweilen gibt es Würmer und Kakerlaken, Johannes der Täufer ernährte sich von Heuschrecken und wildem Honig.
Das klingt nach harter Schule – wirkt das denn?

Wenn man Herrn Koch, Ministerpräsident in Hessen, glauben darf, ja. 80 % Erfolg hat er Kannenbergs Methode attestiert, als er mit ihm im Boxring stand. Anderen Methoden stand er nur 40 % zu. Aber seine Staatskanzlei schrieb mir auf Anfrage, das könne man noch nicht beurteilen, weil eine wissenschaftliche Evaluation erst angedacht sei. Aber vielleicht hat Herr Koch ja recht, denn die Frage der Evaluierung ist äußerst komplex, wie der Kriminologe Prof. Kury aus Freiburg ausführte. Es gibt da so viele und oft unvorhergesehene Variablen zu beachten. Ein Ministerpräsident muß von Methodenlehre nicht viel wissen, sollte dann aber keine unbelegten Zahlen nennen. Herr Kannenberg hat keinerlei pädagogische Qualifizierung herkömmlicher Art. Es ist eben eine Hauruck-Methode. Vielleicht hilft’s. Auf jeden Fall hilft die politische Rückendeckung. Die Rechtsanwältin Al Hariri-Wendel berichtete, daß die Staatsanwaltschaft in Kassel Strafanzeigen gegen Herrn Kannenberg zunächst nicht annehmen wollte unter Hinweis auf seine Verdienstmedaille, die ihm vom Bundespräsidenten verliehen wurde.

Gut, jetzt weiß ich, was Sie unter persönlichkeitsinvasiv verstehen. Und die anderen vorgestellten Methoden?
Vorgestellt wurden Maßnahmen mit und ohne nachvollziehbare Erfolgskontrolle. Bleiben wir aber zunächst bei den Maßnahmen, die stark auf die Persönlichkeit abzielen, und zwar allein schon durch die zeitliche Inanspruchnahme. So z.B. die Geschlossene Unterbringung.
Aber vorweg will ich eine Maßnahme mit eindrücklichem Erfolg nennen, auch wenn sie nicht wissenschaftlich gesichert ist. Der Jugendwerkhof Torgau in der DDR produzierte mit seinen Methoden der Überwachung, des Terrors und der Folter gebrochene Lebensläufe, Invalidität und auch Suicidalität. Hier wurde nach dem Feindstrafrecht mit Kontrolle und Feindseligkeit „erzogen“. Wer Kinder so erzieht, verstümmelt ihre Persönlichkeit. Herr Lauter berichtete aus eigener leidvoller Erfahrung; ein Vortrag, der uns geradezu qualvoll beeindruckte und zugleich verständlich machte, warum Herr Lauter auf dem Hintergrund seiner traumatisierenden Erfahrungen heftig reagiert, wenn er auch nur ansatzweise in heutigen Erziehungsmodellen Ähnlichkeiten entdeckt mit Methoden, wie sie in Torgau angewendet wurden. So beim Kannenberg-Modell, aber natürlich auch bei der geschlossenen Unterbringung.
Bleiben wir doch dabei. Der Ruf nach Geschlossener Unterbringung erfreut sich ja einer gewissen Popularität.
Ja, aber offenbar nur außerhalb der Fachwelt. Frau Prof. Pankofer, Pädagogin, Psychologin und Soziologin in München referierte6, es sei eher von Zufällen abhängig, ob eine Jugendliche in „die Geschlossene“ komme oder ob gerade eine andere Maßname zur Verfügung steht. Geschlossenheit ist also nicht an sich als pädagogisches Setting zu betrachten, sondern allenfalls als die Ermöglichung für pädagogisches Einwirken. Die strengen Bedingungen für den Einschluß und seine Aufrechterhaltung seien jedoch ein Hemmnis für längerfristigem pädagogische Einflußnahme, und nur eine solche sei sinnvoll.

Und die anderen Modelle?

Die möchte ich salopp benennen als Steinzeitpädagogik, Psychodruckpädagogik, dann die nostalgische Art, das Lehrstellenmodell und schließlich die Methode rationaler Überzeugung.
Von alldem steht aber nichts im Programm.

Nein, natürlich nicht. Ich sagte doch: es sind eher saloppe und subjektiv wertende Etikettierungen. Doch ich denke, so falsch sind sie nicht. Die Jugendhilfemaßnahme Auslandsaufenthalt in Rumänien führt die Jugendlichen zwar nicht in die Steinzeit, aber wenn Sie sich die Bilder anschauen, die Frau Schudeja, Dipl.-Rel.-Pädagogin und Sozialtherapeutin, vorgeführt hat, dann fühlen Sie sich um ein Jahrhundert zurückversetzt, allerdings in ärmlich-ländliche Umgebung, in der die Jugendlichen zumeist in bäuerlichen Familien arbeiten müssen. Ich hatte den Eindruck, daß diese Familien in Bildungsstand und Mentalität auch eher ein Jahrhundert zurück sind.

Was soll daran so falsch sein?

Zunächst einmal nichts. Es könnte durchaus förderlich sein, solche Jugendlichen einmal aus der gewohnten Umgebung in eine Welt zu versetzen, deren Sprache sie nicht verstehen, denn das garantiert eine gewisse Abgeschlossenheit, die man pädagogisch nutzen kann. Auch die Zumutung eines äußerst primitiven Lebensstandards halte ich nicht prinzipiell für problematisch frage mich aber, auf welches Leben man Jugendliche mit solchen Maßnahmen vorbereiten will. Weiter frage ich, ob das Vormundschaftsgericht Maßnahmen zugestimmt hat, die Jugendliche allein vorher wohl kaum beurteilen können, und frage auch, ob Verfahrenspfleger eingeschaltet werden. Doch abgesehen vom rechtlichen Rahmen, den man allerdings nicht geringschätzen sollte, berichtete Frau Schudeja, daß nur zweimal pro Woche eine pädagogische Fachkraft vorbeikomme. Da hätte ich gern näheres gehört, denn ich frage mich, wie unter diesen Bedingungen pädagogisch sinnvoll gearbeitet werden kann. Wenn ich solche Maßnahmen unter die Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung rechne, dann fehlt mir hier der Pädagoge, der mit dem Jugendlichen ein Stück weit das Schicksal dieser Maßnahme teilt und dadurch zum Vorbild wird. Ein Jugendlicher, der zum Arbeitseinsatz unter primitivsten Bedingungen geschickt wird, dürfte die Maßnahme doch eher als sowjetisches Arbeitlager verstehen. Interessant wäre es, den Träger solcher Maßnahmen einmal nach der finanziellen Gewinnrechnung zu fragen, wenn schon der pädagogische Nutzen nicht erkennbar ist. Und ich frage mich, wo die Aufsicht bleibt. Auf der letzten Folie von Frau Schudeja konnten wir als Auskunft des Bundesfamilienministeriums lesen: Die örtlichen Jugendämter treffen die Entscheidungen über Auslandsmaßnahmen in eigener Verantwortung. Sie unterliegen dabei keiner Kontrolle durch den Bund.

Ich fürchte, daß wir da an grundlegende Probleme der Organisation unseres staatlichen Handelns kommen. Bleiben wir lieber bei Ihrer Tagung.

Gut, dann zum Psychodruck. Der Sozialpädagoge Prof. Colla aus Lüneburg referierte über seine umfangreichen Erfahrungen mit Glen Mills8, das auch durch die deutschen Medien eine gewisse Bekanntheit erreicht hat. Glen Mills arbeitet mit Gruppendruck, zunächst verbal, dann aber nachdrücklich. Doch man sollte Glen Mills nicht mit den berüchtigten Boot-Camps verwechseln. Offenbar funktioniert der Sozialdruck, wie er in Glen Mills ausgeübt wird, in der us-amerikanischen Kultur ganz gut. Mit dem bei Regelübertretungen stereotyp gebrauchten Satz „Das machen wir hier nicht!“ wird zur Anpassung genötigt. Bei uns ist das undenkbar.
Mit der Mahnung „Das macht man nicht!“ wurde bei uns doch auch lange erzogen: Allerdings eher im vorigen Jahrhundert.
Ja, es muß auch nicht unbedingt falsch sein. Ob aber so ganz richtig, weiß ich nicht. Aber auch die nächste Methode hat ihre Wurzeln im vorigen Jahrhundert, in der Jugendbewegung und der Reformpädagogik. Darum spreche ich von Nostalgie. Der Erlebnispädagoge Alberter aus Regensburg berichtete von seiner erlebnispädagogisch ausgerichteten Arbeit. Hier haben wir immerhin, was in der Steinzeitmethode fehlt: Die 1:1 Betreuung. Jugendliche werden „in der Wildnis“ ausgesetzt und müssen in Begleitung ihres Pädagogen den Weg nach Haus finden, eine Metapher fürs Leben. Nostalgisch ist nur das Setting, denn in der Erlebnispädagogik gehören die gemeinsame Auswertung des Erlebten und die Reflektion über den Nutzen im künftigen Alltag zur Methode.

Also ganz positiv?

Ja, hörte sich so an. Aber Prof. Kury bemängelte gerade an diesem Beispiel die fehlende Evaluierung. Nicht alles, was plausibel klingt, sei auch wirklich schlüssig. Bestätigt wird er durch die zuvor von Prof. Scherr11 genannte Untersuchung, nach der gezielte Trainingsmaßnahmen wirksamer seien als unspezifische Interventionen, wie etwa erlebnispädagogische Maßnahmen.
Da kam - unter methodischen Gesichtspunkten - das Lehrstellenmodell besser weg, denn es gibt eine wissenschaftliche Begleitung. Das Projekt Chance ist ein Projekt des Baden-Württembergischen Justizministeriums. In Zusammenarbeit mit der Jugendstrafanstalt Adelsheim und dem CJD setzt man auf Schule und Erziehung zwecks Knastvermeidung. Der Tagesablauf der Jugendlichen ist auch ziemlich straff, ähnlich wie bei Herrn Kannenberg. Auch hier spielt Sport eine wichtige Rolle. Doch ansonsten ist der Tag sinnvoll gefüllt mit Unterricht und Arbeit; wie bei einer Lehrstelle. Man legt auch hier Wert auf Hierarchie unter den Jugendlichen, mit steigenden Privilegien. Der Pädagoge Scherr sieht jedoch bei solchen Modellen die Sozial- durch Kriminalpolitik ersetzt. Herr Horneber, Einrichtungsleiter vom Projekt Chance, kam übrigens nicht allein. Einer der Jugendlichen war am Referat beteiligt und stand Rede und Antwort. Sympathisch fand ich, daß wir gebeten wurden, Referent und Jugendlichen zu denselben Komfortbedingungen, egal welchen, unterzubringen.
Das scheint vielversprechend zu sein, denn diesen konkreten Jugendlichen hilft eine Änderung der Sozialpolitik nicht weiter. Gab es noch mehr Brauchbares?
Ja, ich sprach von der Methode rationaler Überzeugung. Das Modell Denkzeit ist damit gemeint. Frau Friedmann stellte es vor. Sie ist Promovendin bei Jürgen Körner, Professor für Sozialpädagogik an der Freien Universität Berlin. Das Projekt ist bestens wissenschaftlich begleitet. Hier werden pädagogisch vorgebildete Trainer geschult, die zweimal pro Woche in 45 Minuten mit den Jugendlichen das Prinzip Nachdenken einüben, Denk-Zeit eben, und das rein verbal und mit gemessenen Erfolgen. Dieses Modell entspricht auch genuin demokratischem Denken, denn hier bleibt der Jugendliche als Klient Subjekt. Mit ihm wird ein Arbeitsbündnis geschlossen. Allerdings gilt nicht jeder Jugendliche als tauglich für das Projekt. Doch trotz dieser Einschränkung sehe ich hier ein großes Potential, zumal wir inzwischen aus einer Reihe von Untersuchungen wissen, daß sozial-kognitive Methoden den größten Erfolg erwarten lassen.
Wenn ich mir diesen bunten Strauß von Modellen anschaue, dann sieht mir das eher nach Patchwork-Pädagogik aus - ganz wie’s gefällt und gezahlt wird. Gibt es Hoffnung auf klarere Vorstellungen und die Auswahl ausschließlich qualitätserprobter Maßnahmen?
Ich fürchte, nein. Wir wissen zwar inzwischen sehr viel über die Bedingungen einer positiv wirkenden Erziehung, wissen auch, wie man defizitäre elterliche Erziehung kompensieren kann. Doch um das zu tun, scheint mir der politische Wille zu fehlen.
Moment! Wir wissen … sagten Sie.
Ja. Der Kriminologe Prof. Rössner referierte Erkenntnisse von Untersuchungen im In- und meist im Ausland. Kriminalität, sagte er, ist nicht angeboren. Es gibt zwar Kinder mit ungünstigen Ausgangsbedingungen, doch man kann Lebensläufe günstig beeinflussen mit dem Ergebnis: Weniger Leid und langfristig auch weniger Kosten. So ergab eine Langzeitstudie, die Perry-Preschool-Study, daß der Aufwand pro Dollar für fachkundige Betreuung und Begleitung ab dem 3. oder 4. Lebensjahr über 36 Jahre einen Gegenwert von 13 Dollar erbrachte.
Das klingt doch prima. Da könnte man ja mit Prävention ungeheuer viel bewirken.
Ja, man könnte … Der Landtagsabgeordnete und Sonderschullehrer Staiger sagte auf dem Abschlußpodium, der Fortschritt sei eine Schnecke.
Gibt es denn Beispiele für Fortschritt?

Ja, aber der ist wirklich sehr mühselig. Frau Dr. Mallmann, die ärztliche Leiterin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters in Eltville referierte über einen „Spielartwechsel“, wie sie es nannte, in den ihre Einrichtung gerade eingebunden ist. Weg vom Schwarze-Peter-Spiel, sagte sie. Es geht darum, die unterschiedlichen Anlaufstellen und Einrichtungen miteinander zu vernetzen. Und da ist man gleich mitten in den praktischen Problemen. Herr Pietsch von der Landespolizeidirektion Stuttgart erzählte aus der Praxis. So komme er beispielsweise morgens gegen halbsechs in eine Wohnung, wo schon der Fernseher laufe, Kinder zugegen sind, und der Anlaß eines polizeilichen Besuchs sei in der Regel nicht förderlich für die Entwicklung von Kindern. Aber wenn er den Datenschutz beachte, dürfe er mit Herrn Igel vom Landesjugendamt, der war auch auf dem Podium, nicht über seinen Einsatz sprechen.

Wenn ich das richtig sehe, und das ist auch von anderen Veranstaltungen meiner Tagungsreihe Kinderkram mein Eindruck, können wir Fortschritte am ehesten auf lokaler Ebene erwarten, wo Einzelne mit unbürokratischem Aufwand Vernetzungen schaffen. Ohne dieses Engagement über den eng gefaßten Dienstauftrag hinaus wäre die Situation trostlos. Von der Politik kommt wenig Hilfe. Hier ist noch einmal auf den Beitrag des Pädagogen Scherr zu verweisen, der den Ersatz von Sozialpädagogik durch Individualpädagogik beklagte. Solange wir keine gesellschaftskritische Sozialpolitik haben, bleibt uns nur, auf einzelne Skandale zu warten, was eine sehr zynische und letztlich resignierende Haltung ist. Aber wir erleben ja gerade, was dabei herauskommt, wenn man Kinder aus Familien mit Drogenproblemen nicht herausnimmt oder wenn Eltern psychisch erkrankt sind; - eindeutig fachliche Fehler. Doch der jeweilige Sachbearbeiter hat oft Vorgaben und Arbeitsbedingungen, die mit Fachlichkeit nicht zu vereinbaren sind. Wenn dann ein Kind verhungert, wird der Fall von den Medien aufgegriffen und zu Recht skandalisiert. Und manchmal bewegt sich dann etwas auch auf der politischen Ebene. Ob das dann auch nachhaltig ist, zeigt erst der nächste Skandal. Denn nur der findet die Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit.

Das klingt ja reichlich pessimistisch. Halten Sie nun eigentlich Ihre Tagung für gelungen?

Als Tagung ja, unbedingt. Aber lassen Sie mich zusammenfassen:
Wir brauchen Präventionsprogramme in Kindergarten und Schule, bei denen die Eltern einbezogen werden müssen, brauchen Elternkurse; alles analog dem Mehrschichtenmodell, wie es der Kriminologe Rössner vorgetragen hat.
Die schon bestehenden Interventionsmaßnahmen müssen auf ihre Effektivität überprüft werden, so wie es Prof. Kury eingefordert hat, denn andernfalls vergeudet man die knappen Finanzmittel.
Dies sind Wege, die man einschlagen kann, wenn man nur will.
Wie wir den negativen Nebenwirkungen unseres föderalen Staatsaufbaus begegnen können, weiß ich wirklich nicht. Kein wichtiger politischer Aufgabenbereich ist in der Zuständigkeitsaufteilung dermaßen zersplittert wie die Kinder- und Jugendangelegenheiten. Ich sehe Schlimmes auf die Jugendlichen und uns als Gesellschaft zukommen, wenn auch noch die Aufsicht über alle Jugendhilfe Maßnahmen an die Landkreise abgegeben wird. Wir opfern das Kindesrecht auf Kindeswohl auf dem Altar des Föderalismus, der zweite Opferaltar heißt Elternrecht. Doch das wäre ein weiteres Thema.
Wir müssen den Fortschritt beschleunigen. Denn auch „Problemkids“ sind unsere Kinder. Und die leben jetzt. Sie sind ungeduldig und werden stören.
Dierk Schäfer, Tagungsleiter
Evangelische Akademie
Akademieweg 11
73087 Bad Boll
Fon: (0 71 64) 79-209 (meist vormittags)
Fax: (0 71 64) 79 5 209
mail: dierk.schaefer@ev-akademie-boll.de
 
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letzte Aktualisierung: 20.01.08