12. Juni 2008
Konservative und Militarismus - der Rüstungs- und Militärstandort Nordhessen
sicheres Hinterland
im "Kampf gegen den Terrorismus"
Verschiedene Veranstaltungen lenken die Aufmerksamkeit auf den Rüstungs- und Militärstandort Nordhessen. Hessens Innenminister Volker Bouffier (CDU) will im Rahmen eines Vortrags zum Thema "Innere Sicherheit in Zeiten globaler Herausforderungen" über internationale und innerdeutsche Bedrohungen und die Gefahr des Terrorismus aufklären. Veranstaltungsort ist das Offiziersheim der Georg-Friedrich-Kaserne in Fritzlar.
In einem Interview anlässlich seines Besuches beim "Hessentag" in Homberg/Efze wurde Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) unter anderem gefragt, ob der Einsatz der Bundeswehr im Innern ein Thema sei. "Ja, natürlich", sagte Jung. Man habe die Aufgabe, die Bevölkerung zu schützen. Er erklärte, dass man so den zivilen Katastropehnschutz in besonderen Fällen unterstützen könnte. Der Verteidigungsminister nannte aber auch die Möglichkeit, die Bundeswehr immer dann einzusetzen, wenn die Möglichkeiten der Polizei nicht mehr ausreichen würden. Den Besuch des Ministers bei der Landesausstellung des Hessentags begleiteten spontane Proteste von anwesenden Mitgliedern der Fraktion DIE LINKE. im Hessischen Landtag. (Quelle: www.nh24.de)
Franz Josef Jung ist seit 2005 Bundesminister der Verteidigung und war von 1999 bis 2000 Hessischer Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten und Chef der Hessischen Staatskanzlei. Im Zuge der CDU-Spendenaffäre musste er am 7. September 2000 zurücktreten, da ihm, als Generalsekretär der Hessischen CDU Ende der 1980er Jahre, die Verantwortung für die Finanzierung von Wahlkämpfen und des Baus einer neuen Parteizentrale aus als "jüdische Vermächtnisse" getarnten Schwarzgeldern zur Last gelegt wurde.
Das Ansinnen der CDU, die Bundeswehr im Inneren einzusetzen ist nicht neu. Dass die Konservativen ihren Plan auch an der Basis nachdrücklich ins Gespräch bringen, davon zeugt der Titel einer Veranstaltung, die am kommenden Dienstag ab 19.30 Uhr im Offiziersheim der Georg-Friedrich-Kaserne in Fritzlar stattfinden soll. Der hessische Innenminister Volker Bouffier (CDU) will im Rahmen eines Vortrags zum Thema "Innere Sicherheit in Zeiten globaler Herausforderungen" über internationale und innerdeutsche Bedrohungen und die Gefahr des Terrorismus aufklären.
Damit nicht genug: unter dem Motto "Was sind unsere Werte wert - Christen wider den Zeitgeist" veranstaltet der "Arbeitskreis konservativer Publizisten intern" am Freitag, 27. Juni im Offizierskasino der Fritzlarer Kaserne seine Bundestagung. Zum Thema äußern werden sich die Bundestagsmitglieder Bernd Siebert und Gerd Höfer sowie Regierungspräsident Lutz Klein. Hauptreferent ist der Österreicher Dr. Siegfried Buchholz. Für den Besuch der Veranstaltung ist eine Anmeldung erforderlich. (Quelle: www.hna.de)
Siegfried Buchholz blickt auf 30jährige Erfahrung u.a. als Verkaufsdirektor beim Chemiekonzern BASF in Deutschland und den USA zurück. Zuletzt war er Generaldirektor in Österreich. Danach übernahm der 62-Jährige den Vorstandsvorsitz des Constantia-Konzerns, Österreichs größter privater Industriegruppe. Heute ist der nunmehr 70-Jährige als Managementberater im deutschsprachigen Europa tätig. Sein weltweites Engagement gilt der Internationalen Vereinigung Christlicher Geschäftsleute (IVCG), zu deren Vorstand und Redner "Gottes guter Kapitalist" gehört. (Buch: Siegfried Buchholz, Gottes Grenzgänger zwischen Management und Menschlichkeit von Günther Klempnauer)
Bernd Siebert (CDU) ist Mitglied des Deutschen Bundestages. Hier ist er seit Dezember 2003 Vorsitzender der Landesgruppe Hessen in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und seit November 2005 Vorsitzender der Arbeitsgruppe Verteidigung der CDU/CSU-Fraktion. Siebert ist außerdem Obmann der CDU/CSU-Fraktion im Verteidigungsausschuss. Seit 2004 ist er stellvertretender Vorsitzender des Bundesfachausschusses Sicherheitspolitik der CDU.
Gerd Höfer (SPD) ist seit 1994 Mitglied des Deutschen Bundestages. Von 2002 bis 2005 war er Sprecher der Arbeitsgruppe "Westeuropäische Union" der SPD-Bundestagsfraktion. Seit 2005 ist er stellvertretender Vorsitzender des Unterausschusses des Verteidigungsausschusses "Weiterentwicklung der Inneren Führung".
Lutz Klein (CDU) ist seit dem 1. Mai 2003 Regierungspräsident des Regierungsbezirks Kassel.
Großer Zapfenstreich
Am vergangenen Montag fand auf dem mittelalterlichen Marktplatz in Fritzlar ein Schauspiel statt, das Pazifisten eine Gänsehaut macht: Großer Zapfenstreich. Nach Einbruch der Dunkelheit marschierte musikalisch begleitet und mit Fackelschein mystifiziert eine Formation Soldaten auf. "Diese Klänge waren seit Oktober 1991 nicht mehr auf dem Fritzlarer Marktplatz zu hören gewesen", erklärt die örtliche Tageszeitung HNA. Fragwürdiger Anlass für die große Zeremonie war die Verleihung des Beinamens "Kurhessen" an das neue Kampfhubschrauberregiment 36. Zahlreiche Zuschauer hatten sich zu dem Spektakel auf dem Marktplatz versammelt. Ehrengäste waren der Hessische Ministerpräsident Roland Koch und der Kommandeur der "Division Luftbewegliche Operationen", Generalmajor Carl-Hubertus von Butler. Gemeinsam mit Fritzlars Bürgermeister Karl-Wilhelm Lange verfolgten sie den Zapfenstreich. Vorausgegangen war ein Appell vor der Flugzeughalle 4 in der Georg-Friedrich-Kaserne. Der Regimentskommandeur Oberst Lothar Kraß erläuterte in seiner Ansprache, Verteidigungsminister Dr. Franz Josef Jung habe bei seinem Besuch im Januar den Beinamen "Kurhessen" genehmigt.
Der Militärstandort Fritzlar wurde während der Aufrüstung im Dritten Reich erheblich verstärkt. Die alte Watterkaserne an der Kasseler Straße beherbergte das Artillerie-Regiment 5 und diverse weitere Truppenteile. Ein 1935-1938 neu angelegter 300 Hektar großer Fliegerhorst in der Ederniederung südlich der Stadt wurde ab April 1938 Standort von Nachtjagd- und Kampffliegern. 2006 wurden im Zuge der Neuorganisation der Bundeswehr der Stab und die Stabskompanie der Luftbeweglichen Brigade 1, das zu dieser Brigade gehörende Kampfhubschrauberregiment 36 "Kurhessen“ sowie Teile des Jägerregiments 1 in Fritzlar stationiert; diese Einheiten sind alle Teil der neuen "Division Luftbewegliche Operationen". Am Sonntag, den 17. August lädt der Bundeswehrstandort in Fritzlar zum "Tag der offenen Tür". Anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Flugplatzes stellt man dort wohl u. a. die neue Kampfmaschine "Tiger" vor.
Die "Division Luftbewegliche Operationen (DLO)" ist mit einer Mannstärke von 14.500 Soldaten eine der größten Divisionen des Heeres. Durch ihre Hubschrauberregimenter ist sie der wesentliche Träger der Luftbeweglichkeit im Heer. Die Division plant und führt luftbewegliche Operationen zum Zweck der Landesverteidigung, Krisenbewältigung oder für (multinationale) Operationen in Einsatzgebieten außerhalb Deutschlands. Das Divisionskommando ist zur Erfüllung multinationaler Einsätze im Rahmen von NATO und EU als "Framework Headquarters" aufgestellt. Die Division hält einen Stab erhöhter Verfügbarkeit im Rahmen des internationalen Krisenmanagements, sowie einen Stab Übungen und Einsätze bei NATO- und EU-Operationen vor. In diesen Stäben können bei Bedarf auch Soldaten anderer Nationen integriert werden. (Quelle: http://de.wikipedia.org/)
Sicheres Hinterland
Der Bundeswehrstandort in Fritzlar steht beispielhaft für die Umstrukturierung der bundesdeutschen Streitkräfte in eine "moderne" Armee, deren Aufgabe offenbar die Verteidigung fragwürdiger deutscher Interessen in anderen Teilen der Welt ist. Für die Stationierung des neuen Kampfhubschraubers "Tiger" wurden in Fritzlar Millionen in neue Hangars und Simulatoren-HighTech investiert. Aus konservativen Kreisen hört man hier viel Lob und Zufriedenheit. "Der Standort ist sicher", hört man. Die zahlreichen zivilen Beschäftigten freuen sich über eine positive Perspektive.
Kasseler Rüstungsunternehmen und ihre Beschäftigten freuen sich über volle Auftragsbücher. "Die Rheinmetall AG hat Aufträge für neue Panzer in einem Gesamtumfang von mehr als 80 Millionen Euro an Land gezogen. Davon profitiert vor allem das Werk in Kassel." So berichtete der Hessische Rundfunk im Oktober 2007. Auch soll Rheinmetall für rund 60 Millionen Euro Elektronikkomponenten für die neuen Radpanzer "Boxer" der deutschen und der niederländischen Armee liefern. Das Unternehmen rechnet mit Anschlussaufträgen in einer Größenordnung von rund 50 Millionen Euro. Die Düsseldorfer Rheinmetall AG zählt seit 1990 zu den größten Wehrtechnik-Unternehmen in Europa. Der Standort Kassel fertigt seit Ende der 90er Jahre rund 60 Prozent aller von der Bundeswehr genutzten gepanzerten Rad- und Kettenfahrzeuge. (Quelle: www.hr-online.de)
Dass Militäreinsätze die Wirtschaft ankurbeln ist kein Geheimnis. Auch deutsche Politiker schrecken nicht davor zurück, diese Zusammenhänge ohne jede Scham als "win-win-Situation", als Doppelerfolg zu verkaufen. Zu dem oben bereits in einem anderen Zusammenhang genannten Besuch von Franz Josef Jung beim "Hessentag" in Homberg fand man auf der Internetseite des Bundesministeriums der Verteidigung einen Artikel. Hier heißt es: "In den Mittelpunkt des sich anschließenden Pressegespräches stellte der Verteidigungsminister den Aspekt der Sicherheit der Soldatinnen und Soldaten im Auslandseinsatz. Der Auftrag für den neuen Schützenpanzer Puma an ein in Kassel ansässiges Rüstungsunternehmen sei ein klassisches Beispiel für eine gelungene Verknüpfung: Einerseits – und vorrangig – diene er der Erhöhung der Sicherheit für die Truppe, andererseits sichere der Auftrag Arbeitsplätze in der nordhessischen Region." (Quelle: www.bmvg.de)
Hurra, wir führen Krieg!
Die weltweiten Rüstungsausgaben klettern weiter in die Höhe. Wie das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI berichtet, stiegen die Militärhaushalte im letzten Jahr im Vergleich zu 2006 um sechs Prozent auf 858 Milliarden Euro. In der Tabelle der Länder mit den höchsten Militärausgaben liegt Deutschland auf dem sechsten Platz und hat nach SIPRI-Berechnungen mit 23,7 Milliarden Euro einen Anteil von drei Prozent an den weltweiten Ausgaben. Beim internationalen Waffenhandel ermittelte das Institut einen Anstieg um sieben Prozent für die Zeit von 2003 bis 2007 im Vergleich zur Zeitspanne von 2002 bis 2006. Deutschland war während dieser Spanne der drittgrößte Rüstungsexporteur der Welt mit einem Marktanteil von zehn Prozent. (Quelle: www.sipri.org)
Afghanistan: Etwa 6,6 Millionen Afghanen haben nicht genügend zu essen, 68 Prozent der Bevölkerung fehlt der Zugang zu sauberem Wasser und 50 Prozent der afghanischen Kinder unter fünf Jahren sind untergewichtig. Die Lebenserwartung ist von 44,5 auf 43,1 Jahre gesunken, die Alphabetisierungsrate unter Erwachsenen von 28,7 auf 23,5 Prozent. Die Vereinten Nationen bescheinigen Afghanistan deshalb keinen Fortschritt, sondern an Hand des "Human Development Index" sogar einen Rückschritt im Vergleich zu 2004. Das von der Bundesregierung gepriesene Konzept der Zivilmilitärischen Kooperation hat dazu geführt, dass Hilfsorganisationen immer weiter in die Militäroperationen der NATO verstrickt werden und dadurch ins Fadenkreuz des Widerstands geraten.
Im Herbst 2008 wird ein weiteres Mal über die Verlängerung des Afghanistan-Mandats der Bundeswehr abgestimmt. Das ISAF-Mandat läuft am 13. Oktober 2008 aus. Damit ist eine Abstimmung im Bundestag Mitte September wahrscheinlich. Es ist sicher, dass die Regierung eine Verlängerung des Mandats beantragen wird. Es ist wahrscheinlich, dass das Mandat ausgeweitet werden wird. Bereits jetzt gibt es Druck vom Generalinspekteur der Bundeswehr und dem Bundeswehrverband, die Obergrenze von 3.500 Soldaten anzuheben. Die Entscheidungsfrage lautet also: Mehr Soldaten nach Afghanistan schicken oder die Bundeswehr abziehen. Ebenfalls ist wahrscheinlich, dass die Regierung anstreben wird, das Mandat diesmal für eineinhalb Jahre zu verlängern, um die Afghanistanfrage aus dem Bundestagswahlkampf herauszuhalten.
Steht auf gegen einen Krieg, der in unser aller Namen geführt wird
und für den unser Frieden das sichere Hinterland ist!
Stephan Siebrecht, antimanifest
nach Berichten der HNA und weiteren Recherchen
weiterführende links:
Wikipedia - freie Enzyklopädiehttp://de.wikipedia.org
Franz Josef Jung, Bundesminister der Verteidigung
Bernd Siebert, Mitglied des Deutschen Bundestages
Hessisch-Niedersächsische Allgemeine HNA - regionale Tageszeitungwww.hna.de
Artikel und Fotos vom 10.06.2008: Im Fackelschein
Artikel vom 04.06.2008: Tornado: die Attraktion der Streitkräfte
Artikel vom 29.05.2008: 355 Rekruten gelobten feierlich
NH24 - Nachrichten und Veranstaltungen aus Nordhessenwww.nh24.de
Artikel und Video vom 11.06.2008: Franz Josef Jung besuchte Hessentagsstadt
der Spiegel - Nachrichtenmagazin Spiegel onlinewww.spiegel.de
Artikel vom 13.06.2008: Nato will mehr Truppen für Afghanistan
Hessischer Rundfunk - hr onlinewww.hr-online.de
Artikel vom 12.10.2007: Rüstungs-Großauftrag für Kassel
sonstige
AG Friedensforschung an der Universität Kassel
Bundeswehr
Bundesministerium der Verteidigung
Stadt Fritzlar
Rüstungsproduzent Eurocopter
Rüstungsproduzent Krauss-Maffei Wegmann
Rüstungsproduzent Rheinmetall Defence
HNA online vom 10.06.2008
Im Fackelschein
von Peter Zerhau
Fritzlar. Diese Klänge waren seit Oktober 1991 nicht mehr auf dem Fritzlarer Marktplatz zu hören gewesen. Am Montagabend fand dort ein Großer Zapfenstreich statt. Anlass war die Verleihung des Beinamens Kurhessen an das Kampfhubschrauberregiment 36.
Dabei feierte der neue Chef der Bundeswehrmusiker, Oberstleutnant Reinhard Kiauka, gleichzeitig Premiere in der Domstadt. Zahlreiche Besucher und Ehrengäste wohnten der Zeremonie in Fritzlars guter Stube, dem Marktplatz, bei. Ehrengäste waren der Hessische Ministerpräsident Roland Koch und der Kommandeur der Division Luftbewegliche Operationen, Generalmajor Carl-Hubertus von Butler.
Gemeinsam mit Fritzlars Bürgermeister Karl-Wilhelm Lange verfolgten sie den Zapfenstreich vom Podest aus, das gegenüber dem Heeresmusikkorps aufgestellt worden war.
Vorausgegangen war ein Appell vor der Flugzeughalle 4 in der Georg-Friedrich-Kaserne. Der Regimentskommandeur Oberst Lothar Kraß erläuterte in seiner Ansprache, Verteidigungsminister Dr. Franz-Josef Jung habe bei seinem Besuch im Januar den Beinamen Kurhessen genehmigt.
Für das Regiment sei es eine große Ehre, dass der Hessische Ministerpräsident Roland Koch und der Divisionskommandeur gekommen seien. Höhepunkt des Tages war der Große Zapfenstreich auf dem Marktplatz.
Im Rahmen des Appells zur Namensgebung wurden die Patenschaften zwischen Borken-Großenenglis und der Stabsstaffel des Kampfhubschrauberregiments 36 sowie zwischen Fritzlar-Geismar und der Heeresfliegerversorgungsstaffel 365 begründet und feierlich auf Urkunden besiegelt.
Bilder vom Zapfenstreich auf HNA-Online: www.hna.de/foto/fritzlar
 
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letzte Aktualisierung: 18.06.08