14. Mai 2007
Demonstration des Bündnis gegen Rechts Kassel
Konfrontation beim
antifaschistischen Stadtspaziergang
Seit 2006 häufen sich die Übergriffe auf AntifaschistInnen und Linke durch Neofaschisten. Die extreme Rechte in Kassel scheint gut strukturiert und tritt regelmäßig in Erscheinung. Um der wachsenden Bedrohung durch die Neonazi-Szene entgegenzutreten und um die Bevölkerung über die Gefahr in Kenntnis zu setzen, wurde der antifaschistische Spaziergang vom Bündnis gegen Rechts organisiert. Dabei kam es erneut zur direkten Konfrontation.
Der Antifaschistische Stadtspaziergang durch Kassel begann um 14.00 Uhr am Stern. Dort wurde zunächst auf einen Klamottenladen aufmerksam gemacht, der u.a. Kleidung für die örtliche rechte Szene verkauft. Zum Stadtspaziergang fanden sich knapp 200 Menschen ein. Die Polizei war mit mehreren Wannen vor Ort und konzentrierte sich zunächst auf die Regelung des Verkehrs. In den Seitenstraßen wartete der Nachschub der Ordnungshüter in weiteren Fahrzeugen.

Die Route führte u.a. durch die Fußgängerzone der Oberen Königsstraße. PassantInnen wurden per Lautsprecher über die aktuelle Situation und den Grund des Spaziergangs informiert. Von einigen PassantInnen waren Sympathie-Bekundungen zu hören, viele Einkaufsbummler zeigten sich sehr interessiert.

Als die Demonstration die Nazi-Kneipe „Night-Life“ in der Nähe des Rathauses ansteuerte, wurde sie bereits von sieben der bekannten Neofaschisten empfangen. Unter ihnen war auch der bekannte JN-/NPD-Aktivist Mike Sawallich. Einer der Faschisten filmte die Antifa-Demo mit einer Kamera, einige andere hatten Handy-Kameras und Digi-Cams im Anschlag.
Ein schwarzer Block von AntifaschistInnen bewegte sich unmittelbar auf die Faschisten zu. Die Gegenüberstellung wurde aber durch die Straßenbahnschienen und die stark befahrene Fünffensterstraße getrennt. Außerdem stellten sich natürlich einige verunsicherte Beamte in grünen Overalls dazwischen. Die Polizisten verhielten sich (im Vergleich zu den jüngsten Demonstrationen gegen Studiengebühren) eher ruhig und versuchten, deeskalierend zu wirken. Obwohl sich Antifas zum Schutz gegen die Anti-Antifa-Arbeit der Faschisten vermummten, gab es diesmal keinen Ärger um den Paragraph 27 Versammlungsgesetz.
antimanifest verzichtet in diesem Zusammenhang auf jeden Versuch der Identitätsverschleierung. Wir sind den rechten Schlägern lange bekannt, werden bei solchen Gegenüberstellungen immer öfter mit unserem Namen von den Nazis angesprochen. Hinter unserer Überzeugung stehen wir offen mit unseren Namen. Der Bedrohung sehen wir mit einem müden Lächeln entgegen.

Alerta, alerta antifascista!“ oder: „Gebt den Nazis die Straße zurück – Stein für Stein!“ schallte es laut aus den Reihen der Antifas. Die Polizei beschwichtigte: „Lasst Euch doch nicht provozieren..." Ein unerwartet stark auftretender schwarzer Block war den Beamten, die weniger wie eine geschlossene Hundertschaft, sondern eher wie ein zusammen gesammeltes Wochenend-Aufgebot auftraten, doch nicht ganz geheuer.
Nach einer Weile setzte sich der Demonstrationszug dann friedlich zum Rathaus in Bewegung, wo er sich nach einer letzten Ansprache auflöste. Die Neonazis stiegen derweil in den weißen VW-Bus eines Hüpfburg-Verleihers. Aus diesem Bus hatten sie zuvor noch hastig einen Tisch-Kicker ausgeladen. Unter Anwendung sämtlicher Beleidigungsformen verließ die kleine braune Schar so den Schauplatz.
Einige Antifas besuchten dann nochmals den Nazi-Bekleidungsladen am Stern. Es wurden einige Aufkleber an die Schaufenster geklebt. Der Besitzer kam sofort mit einem Teleskopschlagstock heraus und fuchtelte etwa 10-15 Minuten damit herum. Immer wieder sorgte er für Lacheinlagen, als er rufen wollte: „Ihr Zecken“ und stattdessen „wir Zecken“ von sich gab.
Während der Demo wurden auch zahlreiche Nazi-Aufkleber entfernt oder überklebt, sowie für das antifaschistische Event „Aufmucken gegen Rechts“ geflyert. Insbesondere auf dem Schulweg von Maksim B. (Betreiber der Internetpräsenz des sogenannten "Freien Widerstands Kassel", der auf die Walter-Hecker Schule geht und dort auch schon versuchte, einen antifaschistisch orientierten Schüler zu fotografieren) finden sich vermehrt Nazi-Aufkleber.
Gemütlich klang die Demo dann noch im Autonomen Zentrum bAZille bei Kuchen und Getränken aus. Den Faschisten wurde wieder einmal gezeigt, dass auch in Kassel einige Antifas zu mobilisieren sind und dass die zahlreichen Angriffe und Provokationen der Faschisten registriert und beantwortet werden.
Auch in Kassel und Nordhessen ist kein Platz für Nazis!
Eine Chronik der Ereignisse der letzten Monate findet Ihr hier
Artikel der Frankfurter Rundschau vom 13.05.2007
Kampfansage an die Naziszene
Bündnis klärt bei Rundgang in Kassel über braune Umtriebe auf / Rechte provozieren aus sicherer Distanz
Rund 200 Menschen haben mit einem "Antifaschistischen Stadtspaziergang" gegen die zunehmenden Aktivitäten nordhessischer Neonazis protestiert. Trotz Provokationen von Rechtsextremen gab es keine Zwischenfälle.
Kassel - Der gut einstündige Rundgang durch die Kasseler Innenstadt sollte gleichzeitig über rechte Umtriebe in der Region informieren und zur Gegenwehr aufrufen. "Wir wollen über die Ereignisse der letzten Monate aufklären und der leider immer größer werdenden Naziszene in Nordhessen den Kampf ansagen", sagte eine Sprecherin des "Bündnis gegen Rechts", das den Stadtspaziergang am vergangenen Samstag veranstaltete. "Gerade weil sich die rechtsextreme Szene hier noch im Aufbau befindet, ist es wichtig, sich dieser Entwicklung entgegen zu stellen."
In ausführlichen und kenntnisreichen Redebeiträgen skizzierte das "Bündnis gegen Rechts", zu dem sich unter anderem Antifa-Aktivisten, Gewerkschaften, die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) und die Kasseler Linke zusammengeschlossen haben, die Strukturen der rechten Szene in und um Kassel.
Zentraler Ort für NPD-Nachwuchs
Seit dem vergangenen Jahr ist die nordhessische Großstadt einer der zentralen Orte für die NPD-Nachwuchsorganisation "Junge Nationaldemokraten" (JN) in Hessen. Mit dem Vize-Vorsitzenden Mike Sawallich, dem Ordnungsdienstleiter Manuel von Berg und dem "Beauftragten für Neue Medien" Christian Wiegand wohnen gleich drei Mitglieder des JN-Landesvorstands in Kassel.
Es besteht ein enger Kontakt zu den "freien" Neonazi-Kameradschaften in Stadt und Umland; die Vernetzung erfolgt über Internetseiten. Wie die Frankfurter Rundschau berichtete, tauschen die Rechten dabei in "Anti-Antifa"-Foren auch detaillierte Daten über ihre Gegner aus und verbreiten regelrechte Steckbriefe. Einzelne Antifaschisten sahen sich bereits Psychoterror oder sogar körperlichen Attacken ausgesetzt.
Bewusst suchen die Kasseler Neonazis die Öffentlichkeit und tauchen immer wieder bei linken Gegenveranstaltungen auf. Auch auf den "Antifaschistischen Stadtspaziergang" hatten sie ursprünglich mit dem Verteilen von Gegenflugblättern reagieren wollen.
Wohl angesichts der großen Zahl von rund 200 Teilnehmern - überwiegend Angehörige der linken Szene - scheuten sie davor jedoch zurück und beschränkten sich auf Provokationen aus sicherer Distanz: Eine rund zehnköpfige Gruppe von Neonazis hatte sich im Eingang des Hauses von Manuel von Berg versammelt, an dem der Rundgang vorbeiführte.

Sie filmten und fotografierten die Demonstranten, pöbelten und klatschten höhnisch Applaus. Trotz eines nur kleinen Polizeiaufgebots kam es aber nicht zu Zusammenstößen zwischen den Linken und den Rechten.
Joachim F. Tornau
 
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letzte Aktualisierung: 14.05.07