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18.
März 2007
Jugendhilfeeinrichtung
Trainingscamp Lothar Kannenberg
Jugendhilfe
zwischen
Märchenmühle
und Wahnhausen
Lothar
boxt sich durch
Seine
letzte Chance nach dem Knast
von
Christa Schudeja
Es
war einmal im Jahre 2006 eine große Tagung im kleinen Idstein
in Hessen, zu der viele prominente Persönlichkeiten herbeieilten,
um ihre Betroffenheit über die schrecklichen Vorkommnisse in
den Heimen der Nachkriegszeit zu bekunden. Wie schrecklich war man
doch damals mit den Kindern umgegangen? Sogar die Nonnen hatten
sich an kleinen Jungs vergriffen. Pfui. Aber Schwamm drüber.

Und während die Schar der Betroffenen noch nach Worten für
das Unfassbare rang, schaufelten sich auf dem hessischen Gut Kragenhof,
Kinder und Jugendliche ihre Gräber: Die Gräber ihrer kindlichen
Vergangenheit in engen Wohnvierteln mit überforderten und lieblosen
Eltern, mit Prügeln, Schulversagen, Diebstahl. Jetzt brach
für sie hier im idyllischen hessischen Landgut, an der Fulda,
zwischen Märchenmühle und Wahnhausen, die neue Zeit in
der Jugendhilfeeinrichtung Durchboxen e.V. mit Lothar Kannenberg
an. Er hatte sich schon selbst durch Alkohol, Drogen und Psychiatrie
geboxt und auch Gesetze außer Kraft geboxt. Lothar suchte
bewusst die abgelegene Lage für seine Kinderspiele: Gräber
schaufeln und Eiswassertaufe, Kahlscheren und sich in Gülle
wälzen. Damit er bei seinen Spielerein nicht gestört wurde,
duldete Lothar nur ungern die Schnüffler mit Schlips in seiner
Nähe. Er gab auch den beschlipsten Mitarbeitern vom Jugendamt
und ihrem Ansinnen, ihm eine Fortbildung angedeihen zu lassen, unmissverständlich
zu verstehen, dass es hier nach seinen Regeln ginge, denn sonst
wäre Schicht. Und so verschaffte sich Lothar Respekt und lehrte
sie die Faustregeln von Durchboxen e.V. Und Lothars Respekttraining
funktionierte, worauf man ihn gewähren ließ und nach
außen fleißig mit an der Märchenmühle vom
erfolgreichen Projekt drehte. Der Zustrohm an minderjährigen
verkrachten Existenzen floss weiter und brachte Lothar pro Stück
und pro Tag 131.44 Euro. Damit ihm auch kein Einnahmeverlust entstand,
schlug Lothar öfter mit der Faust auf den Tisch und erklärte
den von der Gesellschaft aufgegebenen Fällen, dass er ja nicht
bescheuert sei und er, Lothar ihre letzte Chance vor dem Knast wäre.
Lothar drohte, dass sie dort den Besenstiel in den Hintern gerammt
bekämen. Dann schon lieber Baumstämme schleppen und sich
beim Training eine in die Schnauze hauen lassen? mit Boxhandschuhen
versteht sich. Lothar und seine Truppe der Harten, die in den Garten
kommen, leierten täglich die Märchenmühle von der
letzten Chance vor der Psychiatrie und dem Knast herunter, bis es
auch der Letzte verinnerlichte. Auf dem Friedhof hinter der Scheune
hatte jeder sein Ich namentlich begraben, denn hier galt nur die
Gruppe etwas und natürlich Lothar. Die gemeinsamen Strafmärsche
und die Liegestütze im Schlamm, all das machte die hier gelandeten
Gestrandeten fit für ein selbstverantwortliches Leben vor dem
Knast.

Lothars Pädagogik setzte auf die hypnotisierende Kraft von
Symbolen und Zeichen und damit wurde die Distanz von Gut Kragenhof
zu Wahnhausen immer kürzer nämlich der Wahn vom Selfmade-Pädagogen
und Selfmade-Therapeuten. Das Dauerprogramm von Sport und Arbeit,
durchgedreht durch die retorische Märchenmühle pädagogischen
Vokabulars, löste alsbald einen Medienrummels um die Knaller-
die ganz krassen Fälle - aus ganz Deutschland aus, die jetzt
im Freigehege Kannenberg besichtigt und gefilmt werden konnten.
So eilten sie alle herbei, die Blätterschreiber aus Frankfurt
und Hamburg, um vom Camp der hoffnungslosen Fälle zu berichten.
Aber Hoffnung war ja jetzt doch gegeben. Sie hieß Lothar.
Endlich war da jetzt einer, der wieder Recht und Ordnung in Deutschland
schaffte, gegen alle diese Kuschelpädagogen mit ihren erfolglosen
Bemühungen. Lothar, der Chef, zeigte, wie es auch ohne Bildung
geht, schließlich hatte er sich ja inzwischen das Bundesverdienstkreuz
erkuschelt. Gekuschelt wurde sonst nicht, denn wer von diesen kindlichen
Ganoven nicht funktionierte, landete höchst respektvoll in
der Fulda. Da krachte schon mal das Eis. Auch die Reha im Ausland
- genannt Erlebnispädagogik - hatte es ja nicht gebracht. Hier
aber in der Nähe von Wahnhausen schuf sich Lothar seine Insel
der Unseligen, die er in den Griff bekam. Und während man auf
der Tagung in Idstein um Worte der Betroffenheit über die Nachkriegstragödie
rang, schmiedete das "Vorbild für Deutschland" einen
neuen Plan: Umerziehung in Transsylvanien. Wer es hier auf der Insel
der Unseligen nicht packte, der hatte noch eine allerletzte Chance
nach der letzten Chance - die Sondermaßnahme in Draculas Reich.
Aber Lothars Träume zwischen Märchenmühle und Wahnhausen
sind sicher noch nicht ausgeträumt - er wird bis nach Afrika
expandieren, wo im fernen Namibia noch die Nachfahren deutscher
Kollonialisten für Respekt und Disziplin sorgen. Die erste
Deportation ist schon erfolgt. Oder auch Schuften auf der Schweinefarm
in Sibirien - das war ja auch schon existent, welch geniale Idee.
So geht der deutsche Siegeszug von Zucht und Ordnung wieder hinaus
in die Welt. Lothar - wir sind stolz auf dich, du bist ein Vorbild
für Deutschland. Endlich sorgt wieder einer für Sicherheit
auf den Straßen. Wenigstens du reißt dir hier in Deutschland
den Arsch auf und wir drehen weiter mit an der Märchenmühle,
damit das gut rüberkommt nach außen.

Und
die Worte von Idstein: Wir müssen in der Tat ein Bewusstsein
schaffen für Recht und Unrecht (Reinhard Wiesner, Familienministerium),
lassen Fragen offen. Doch die Antwort mein Freund, weiß nur
allein der Wind.... Vom Winde verweht ist die Sache um Gut Kragenhof.
Dreck und Zerstörung ließ Lothar zurück - seine
hypnotisierte Symbolkraft verbreitend. Jetzt ist er weiter in den
Busch gezogen, in die Waldarbeiterschule. Dort können die Klageschreie
der sich durchboxenden und waldarbeitenden Ballastexistenzen schneller
verhallen... Roland Koch wehrte den Vorwürfen vom Abschaum,
nein, sie würden sich ja selbst dazu machen und schnitt das
Band der Einweihung durch. Der eiserne Roland ließ sich nicht
erweichen und ging erst gar nicht auf den Klageschrei ein.

Ach ja und dann sind da noch die ehmaligen Heimkinder, die um paar
Cent betteln für das ihnen angetane Unrecht in den Nachkriegsjahren.
Wie kleinlich. Zwangsarbeit ist doch kein Unrecht. Arbeit macht
frei!
Man hätte noch straffer durchgreifen müssen, denn dann
wären sie heute nicht noch in der Lage, Gesetzestexte zu lesen.
Irgend etwas ist da schief gelaufen. Aber Lothar schafft das jetzt
- Bildung ist out - Box dich durch in der Waldeinsamkeit.
Zu
Risiken und Nebenwirkungen:
Bei
der Wortwahl wurde das Vokabular von Lothar Kannenberg berücksichtigt.
Nachfragende Journalisten seien gewarnt. Lothar mag keine Schlipse
und intellektuelle Fragen. Wer nicht vorher ein Kommunikationstraining
im Rotlichtmilieu besucht hat, nehme besser den Verbandskoffer,
statt des Laptops mit!
Christa
Schudeja
freiberufliche
Dozentin & Coach
Dipl.-Rel.-Pädagogin
Sozialtherapeutin
Jahrgang
1952,
geboren
in Sachsen
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Initiativgruppe
Geschlossener Jugendwerkhof Torgau e.V.
Ehemalige
Betroffene des Geschlossenen Jugendwerkhofes Torgau,
der einzigen geschlossenen Jugendhilfeeinrichtung
der DDR, sind entsetzt über die Erziehungsmethoden
auf Gut Kragenhof. Anlass ist die kürzlich auf
RTL II ausgestrahlte Dokusoap über das Boxcamp
von Lothar Kannenberg, in der straffällige Jugendliche
durch eiserne Disziplin und Sport bis an die Leistungsgrenzen
resozialisiert werden sollen.
Besonders
das Prinzip der Kollektiverziehung erinnert Betroffene
stark an ihre Erfahrungen in Torgau. Verfehlungen eines
einzelnen Jugendlichen können zu Sanktionen der
ganzen Gruppe führen. Diese auch in der DDR praktizierte
Methode fördert das Prinzip der Selbsterziehung,
d.h. durch die kollektive Bestrafung werden Spannungen
in der Gruppe provoziert, die zu gegenseitigen Aggressionen
führen können.
Vor
allem der tägliche Tagesablauf mit seinem verbindlichen
Sportdrill über die Leistungsgrenzen eines normal
entwickelten Jugendlichen diesen Alters hinaus, erinnert
mehr als deutlich an die unerträglichen Leiden
ehemaliger Betroffener des Geschlossenen Jugendwerkhofes
Torgau (GJWH). Der täglich verbindliche 10km-Lauf
sowie der zusätzliche extreme Frühsport, die
obligatorischen 500 Liegestütze jeden Mittag sowie
der tägliche zusätzliche Nachtlauf erinnern
gravierend an den GJWH Torgau.
Auch
harte Sanktionen gegen Einzelne wie hunderte zusätzliche
Liegestütze, ein knapp 40km-langer Nachtlauf oder
ein Bad in der eiskalten Fulda sind mehr als bedenklich.
Auch persönliche Demütigungen vor der Gruppe,
das Bloßstellen in vermeintlichen
Diskussionen in der Gruppe über Fehlverhalten
sind aus unserer Sicht alles andere als förderlich
für die Persönlichkeitsentwicklung Heranwachsender
in diesem Alter!
Da
verwundert es doch stark, wie dem Leiter Lothar Kannenberg
2006 das Bundesverdienstkreuz vom Bundespräsidenten
verliehen werden konnte.
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