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22.
Juli 2008
nach
dem brutalen Überfall auf das [´solid]-Sommercamp
jetzt
wird Tacheles geredet
Nachdem
die Medienmaschine die brutale Attacke von Neonazis auf das Zeltlager
am Neuenhainer See im ersten Anlauf verwurstet hatte, äußerten
sich heute u. a. Politiker in professioneller Betroffenheit. Dabei
werden einige Beteiligte, auch Presse und Behörden, nun von
Versäumnissen eingeholt und handeln sich mit ihrer vorauseilenden
Anteilnahme deutliche Kritik ein. Gestern mussten Betroffene noch
verstehen:
"eine
rechtsextremistische Szene gibt es hier gar nicht..."
Tacheles
reden - stammt aus dem Jiddischen (von hebr. tachlît
= Ziel, Zweck) und heißt so viel wie direkt die unverblümte
Wahrheit sagen; jemandem ohne Zurückhaltung ungeschminkt die
Meinung sagen; Klartext reden; ein heikles Thema ansprechen; offen
und deutlich reden.
Klartext
reden wollten heute natürlich in erster Linie Politiker verschiedener
Farben und gaben ihre Stellungnahmen zu dem rechtsextremistischen
Übergriff im Schwalm-Eder-Kreis ab. Dabei ist man es schon
gewohnt, dass bei einigen Vertretern die professionell geheuchelte
Anteilnahme nicht über die ersten beiden Sätze hinaus
reicht, weil sogleich zur rhetorischen Keule gegen den politischen
Gegner gegriffen wird. Dieser Form der Heuchelei soll aber hier
nicht weiter Raum gegeben werden.
Näher
eingehen wollen wir von unserer Seite auf Versäumnisse, die
wir und viele andere engagierte Menschen nicht seit dem letzten
Sonntag, sondern immer wieder in den letzten Jahren aufgezeigt haben.

Ein
Beispiel: Im Zusammenhang mit Infoständen der NPD im Landtagswahlkampf
hatten wir einigen Gemeinden im Schwalm-Eder-Kreis Vorwürfe
wegen ihres Umgangs mit dem Thema gemacht. Die NPD hatte ab August
2007 in einer ganzen Reihe von Gemeinden in den Kreisen Waldeck-Frankenberg
und Schwalm-Eder Kundgebungen bzw. Infostände angemeldet und
diese auch durchgeführt. Proteste gegen die aktive rechtsextremistische
Kleinpartei im Schwalm-Eder-Kreis wurden von Ordnungsämtern
verschiedener Gemeinden unterbunden. Man wollte jedes Aufsehen vermeiden.
Der Preis: die NPD konnte in einigen Kleinstädten an den Samstagen
ungestört Mitgliedsanträge und beispielsweise die sogenannte
"Schulhof-CD" (http://de.wikipedia.org/wiki/Projekt_Schulhof-CD)
verteilen. Auskünfte, ob und wann Infostände stattfinden
würden, wurden beispielsweise in Fritzlar abgelehnt, während
die Gemeinden in Frankenberg und Bad Wildungen offen zum Protest
gegen die angemeldeten Infotische der Rassisten aufriefen und einen
äußerst kreativen, bunten und fröhlichen Widerstand
organisierten.
Aufsehen
und sogar Gewalt gab es dabei dann tatsächlich: am 22. September
2007 beim NPD-Infostand in Frankenberg - durch autonome rechte Schläger.
(unser Bericht vom
22.09.2007)

Ebenfalls
beispielhaft nennen möchten wir das Verhalten der dominierenden
nordhessischen Tageszeitung, die im Umgang mit dem Thema bisher,
so schien es, besonders die Vorurteile der konservativen Leserschaft
bedienen mochte. Anders ist es nicht zu erklären, dass das
Blatt in den Erstmeldungen am Sonntag titelte: "Randale
beim linken Sommercamp nach Demo gegen Rechts" und "Fünf
Festnahmen bei Demo gegen Rechtsextremismus". Da wird der
Eindruck vermittelt, dass Protest und Randale den Linken zuzuordnen
sind. Leser werden mit Vorurteilen bedient und erfreuliche Engagements
werden verunglimpft. Zufall? Nur eine unglückliche Wortwahl?
Jedenfalls total daneben wenn man wie heute die ganze Geschichte
kennt. Die rechtsextremen Störer vom Samstag erreichen mit
einer solchen Darstellung genau ihr Ziel! Die Faschisten feiern
eben diese Darstellung der HNA seit Sonntag in ihren Internet-Foren,
Ablichtungen davon liegen uns vor.
Die
Zeitung liegt mit ihrer Attitüde dabei ganz auf Linie mit der
hessischen CDU und dem noch geschäftsführend tätigen
Ministerpräsidenten Roland Koch. In Hessen, wie auch in der
Bundespolitik, sind rechte Gewalttaten für konservative Politiker
zuletzt ausschließlich Anlass gewesen, auf Extremismus im
Allgemeinen zu verweisen und dann ausführlich über die
"Bedrohung" durch eine erstarkte Linke zu referieren.
Aufmerksam
machen wollen wir in diesem Zusammenhang auf eine Kolumne bei NH24.de,
von
der wir positiv überrascht waren:

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"Augen
zu und durch?"
Rotkäppchenland
abgebrannt! - Hurra! Uns kennt Europa!
von
Alexander Wittke
Schwalm-Eder.
Ist es nicht schön im Schwalm-Eder-Kreis? Wir haben
das Rotkäppchen(Land), die (ehemalige) Hessentagsstadt
Homberg, Felder, Wald und Wiesen - und nicht zu vergessen
- ein paar ausgetickte Nazis. Die Jungs haben das Zeug,
echte Touristenmagneten zu werden. Zeitungen von Wien bis
Helsinki schreiben auf einmal über uns, vergleichen
uns mit Sachsen - nein, nicht landschaftlich wie sie vielleicht
denken - sondern mit der braunen Suppe von dort.
Ich
würde sagen, die Schwalm hat es geschafft, traurige
Berühmtheit zu erlangen. Warum eigentlich? Weil ein
Blödmann auf ein 13-jähriges Kind einschlägt?
Mit Nichten! Das Problem Rechte Gewalt" haben
wir hier viel zu lange unterdrückt (unterdrücken
lassen). Nach dem schrecklichen Überfall rennen jetzt
alle zur HNA und berichten von Unglaublichem - und die große
Monopolzeitung nimmt jetzt, wo Europa auf die Schwalm blickt,
alles auf wie ein Schwamm. Jetzt auf einmal zählt jede
Stimme gegen RECHTS! Willkommen im Sommerloch. Da ist auch
der großen Monopolzeitung jede antirechte Schlagzeile
recht. Ein Beispiel aus der Berichterstattung zu einer Demo
gegen Rechtsextremisumus vor den Schlägen auf das Mädchen:
"Nach
Angaben der Polizei gab es während der Demo in Höhe
der S-Passage
Gerangel
unter den Demonstranten. Fünf wurden festgenommen."
Fakt
ist: Es gab kein Gerangel unter den Demonstranten! In der
"S-Passage" sorgten die gleichen halbstarken Jungs,
die am folgenden Sonntag das Sommercamp aufrieben, für
Unruhe! Und die gehörten nicht zu den Demonstranten!
Aber
nicht nur der Informationsmonopolist hat in letzter Zeit,
jedenfalls was das Thema Rechte Gewalt angeht, kläglich
versagt und mit dem Informationsboykott die Lage meiner
Ansicht nach noch verschärft. Von einer starken Rechten
im Schwalm-Eder-Kreis oder ganz Nordhessen ist auf einmal
die Rede. Landespolitiker von FDP, die feiern in diesem
Fall die Polizei, bis hin zu den GRÜNEN, die die Schuld
bei Roland Koch sehen, greifen das Thema Rechte Gewalt auf
und versuchen, sich im Sommerloch zu profilieren. Die Partei
DIE LINKE. sieht sich als großes Opfer und die CDU
meldet sich überhaupt nicht.

Dass
die CDU der Rechten Gewalt ihr linkes Auge entgegenstreckt,
verwundert nicht. Die LINKEN. als Opfer taugen immer. DIE
GRÜNEN waren bei dem letzten Überfall in Nordhessen
nicht weit weg (es war Hessentag!). Und die FDP springt
auf einen fahrenden Zug auf. Ist das nicht eine tolle Parteienlandschaft?
Haben sie in den vergangenen Monaten mal was von denen zum
Thema "Rechte Gewalt" gehört? Von wegen Rechter
Sumpf in Nordhessen. Was für ein Quatsch! Bei uns doch
nicht - oder Herr Günter Rudolph? Als Innenpolitiker
der SPD müssten Sie doch in der ersten Reihe tanzen
und spätestens nach dem Überfall auf eine Gruppe
Jugendlicher in Todenhausen hätten Sie der Frontmann
der SPD gegen Rechts sein müssen! Wie das Herr Rudolph
genau sieht können sie folgendem Satz entnehmen: "Wir
müssen im präventiven Bereich, vielleicht mehr
tun als vorher!" Wo ist denn Frau Müller von der
SPD? (Die Vorfälle liegen übrigens alle in ihrem
Wahlkreis!) Im Schweiße ihres Angesichts holte Frau
Müller fast im Alleingang ein Sägewerk in die
Schwalm. Und jetzt? Kein Wort, wenn ein 13-jähriges
Mädchen im Schlaf überrascht und ihr mit einem
Klappspaten der Scheitel gezogen wird.

Was
ist eigentlich mit der CDU im Schwalm-Eder-Kreis? Ihr schwergewichtiger
(das ist jetzt nicht auf sein Körpergewicht bezogen,
sondern viel mehr auf seine Macht in der Landes- und Bundes-
CDU) Kreisvorsitzender Bernd Siebert lichtete noch vor wenigen
Wochen seine Parteizentrale von braunem Gehabe, sein wissenschaftlicher
Mitarbeiter im Bundestag kümmert sich lieber um Soldaten
in Afghanistan und was hört man jetzt aus Fritzlar?
Nichts! Bernd Siebert und Mark Weinmeister sind abgetaucht.
Haben
sie außerdem schon mal was von den GRÜNEN aus
Nordhessen oder dem Schwalm-Eder-Kreis gehört? Auch
die GRÜNEN haben jemanden im Innenausschuss des Landtages
sitzen - auch sie bekommen Berichte über Rechte Aktivitäten
in Nordhessen, die der Öffentlichkeit nicht so ohne
weiteres zugänglich gemacht werden. Es geht ja hier
nicht um Molche oder Wälder, könnte man meinen.
Alle
oben genannten hätten sich, meiner Überzeugung
nach, bereits nach dem Überfall in Todenhausen, wo
mit Pflastersteinen auf Jugendliche eingeworfen wurde, zu
Wort melden müssen. Sie hätten vor wenigen Wochen
schon ihr Wort gegen den Rechten Nordhessischen Sumpf erheben
müssen und nicht abwarten dürfen, bis Schlimmeres
geschieht. Nun liegt ein 13-jähriges Kind in der Uniklinik
Marburg. Was nun liebe Politiker aller Couleur? Augen zu
und durch?
Ihr
Alexander Wittke
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Mit
der bewussten Verklärung der tatsächlichen Verhältnisse
wurde die Entwicklung der rechtsextremistischen Szene in Nordhessen
noch gefördert. Auf Kosten der Opfer rechter Gewalt haben sich
Politiker profiliert und haben von ihrem Schreibtisch aus alles
besser gewusst. Verantwortliche in Behörden und Rathäusern
haben es vorgezogen, dem Thema aus dem Weg zu gehen und sich einer
Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus zu verweigern. Als
ein Beamter des Ordnungsamtes im vergangenen Jahr auf unsere Vorwürfe
angesprochen wurde, soll dieser geäußert haben: "Wir
wollen keinen Ärger. Wer nichts macht, der macht auch nichts
verkehrt.". Wir gratulieren den Gemeinden im Kreis zu derart
"mutigen, umsichtigen und entschlossenen" Beamten...

Nichts
sehen, nichts hören, nichts sagen. Nicht zuletzt dieses Verhalten
schaffte organisierten Faschisten und Schlägern auch in Nordhessen
Freiräume, die für Agitation, Mitgliederwerbung, Rechtsrock-Konzerte,
Internet-Foren, unangemeldete Auftritte, Fackel-Märsche etc.
genutzt wurden. So auch im Raum Kassel.
(wird
fortgesetzt...)
Wenn
Ihr Ergänzungen, zum Beispiel Eure eigenen Erfahrungen,
Verbesserungsvorschläge oder Kritik
Stephan
Siebrecht, antimanifest
unsere
Artikel zum Thema:

Neonazis
überfallen linkes Sommercamp am Neuenhainer See antimanifest
am 20.07.2008

wiederholt
Angriffe durch Neonazis im Schwalm-Eder-Kreis antimanifest
am 12.06.2008

brutaler
Überfall in Ziegenhain antimanifest
am 17.01.2006
ausgewählte
Artikel zum Thema (externe links):

Neonazi
gesteht brutalen Angriff Hessischer
Rundfunk online am 22.07.2008

Politiker
schockiert über Angriff auf Zeltlager Hessenschau
vom 22.07.2008

Kevin
Schnippkoweit in Untersuchungshaft wegen des Überfalls
auf
das ['solid]-Camp am Neuenhainer See Anti-Nazi-Koordination
Frankfurt am 23.07.2008
zu
Kevin S. siehe auch (externe links):

Wer
hinter "Volksfront Medien" steckt antifa
Jena am 28.12.2007

Naziterror
und Gegenwehr in Jena antifa
Jena am 24.01.2008

Schnippkoweit
nach Fast-Totschlag in U-Haft antifa
Jena am 22.07.2008
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