13. November 2009
Blickpunkt Schwalm
wo sie kalte Lieder sangen
Nach Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Studie über rechtsextreme Strukturen im Schwalm-Eder-Kreis sehen viele Menschen ihren Eindruck bestätigt, dass das Klima des Wegsehens, des Leugnens und Verharmlosens rechtsextremistischer Aktivitäten in der Region kein Zufall ist. Was ist das für ein Landstrich, in dem Straßen nach Lokalgrößen aus der Zeit des braunen Terrors benannt sind und noch heute neue Verkehrskreisel nach solchen benannt werden?
 
"Wo sie kalte Lieder sangen
Tausenfach zum Mord bereit"
Razzia, 1991
Im Auftrag des Landkreises Schwalm-Eder wurden Experteninterviews mit 90 Menschen aus 21 Kommunen der Region geführt. Die Untersuchung mit dem Titel "Das ist vielen gar nicht bewusst" wurde am 4. November 2009 in Homberg (Efze) vorgestellt. Mitgearbeitet an der Regionalanalyse zu Rechtsextremismus und demokratischen Potenzialen im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis hat auch eine Kasseler Soziologin und Politologin vom "Mobilen Beratungsteam gegen Rassismus und Rechtsextremismus in Hessen" (MBT).
Wenn denn überhaupt wahrgenommen werde, dass es rechtsextreme Tendenzen auch im eigenen Ort gibt, werde
das Problem verharmlost und vor dem Ausmaß würden die Augen verschlossen, so die Aussage von Interviewten.
Ein Zitat: "Rechtsextreme gibt es. Sind auch bekannt. Sind auch der Polizei bekannt. Sind auch im Dorf bekannt. Aber es wird nicht drüber gesprochen."
Die Reaktionen auf die Veröffentlichung waren sehr verschieden. Nach den vielen Vorfällen der Vergangenheit und insbesondere nach den wiederholten schweren Übergriffen der vergengenen Tage und Wochen ist das Interesse und die Aufmerksamkeit auch außerhalb des Landkreises groß. Das hat nun auch die bürgerliche Tageszeitung HNA erkannt und berichtete zuletzt lückenlos. Wer Erfahrung mit der speziellen Geisteshaltung vieler Nordhessen machen musste, so wie ich in Kindheit und Jugend, der wird sich nicht wundern, dass die Empörung über die Studie in der Schwalm ebenso groß ist. Das wiederum kann man den vielen Leserkommentaren in der online-Ausgabe der dominierenden Tageszeitung oder der Netzzeitung Nordhessen24 entnehmen.
Es ist für die Bürgerlichen an Schwalm und Eder ja nur typisch: Die Diskussion wird nicht als Chance erkannt, sondern als Verleumdung empfunden. Der Regionalstolz scheint tief verletzt. Jede Auseinandersetzung mit den Betrachtungen der Wissenschaftler wird abgelehnt. Warum sich so viele Menschen empören, obwohl ihnen direkt ja gar kein Vorwurf gemacht wird? Getroffene Hunde bellen, sagt ein Sprichwort. In Art und Ausdrucksweise der Empörung lässt sich aber noch mehr erkennen. Man solidarisiert sich nahezu mit rechten Gewalttätern und redet ihnen das Wort. So wird beispielsweise penetrant wie nie versucht, von der Gewalt gegen Jugendliche und Polizisten im Landkreis abzulenken. Viel schlimmer seien doch die "ausländischen Komaschläger" und "Stadtteile, in die sich die Polizei nicht hineintraut" (Leser-Kommentare).
Die Schwalm hält zusammen - und ich meine dabei nicht ein paar dutzend junge Schläger. Im Jahr 2008 besuchten wir in Schwalmstadt-Treysa eine Demonstration gegen rechte Gewalt. Die Demo war eine Reaktion auf den Überfall von Anhängern der Gruppierung "Freie Kräfte Schwalm-Eder" auf ein schlafendes 13-jähriges Mädchen. Das Mädchen hatte an einem Zeltlager einer alternativen Jugendorganisation teilgenommen. Der Vorfall erschütterte viele Menschen im Kreis und über die Region hinaus. Nach dem Rundgang durch die Kleinstadt hatten wir Hunger und weil man nach türkischen Imbissen oder China-Restaurants in der Schwalm lange suchen muss, sind wir zu einem Bratwurst-Stand gegangen. Die Dame an der Fritteuse fragte uns mit skeptischem Blick: "kommen Sie auch von der Demonstration?" Wir bestätigten und erklärten noch, dass wir uns sogar von Kassel aus auf den Weg nach Treysa gemacht hatten. Die Wurstverkaüferin hielt dann eine Erklärung ab, die lautete sinngemäß: Gewalt fände sie ja auch nicht gut. Aber die Gewalt der Ausländer sei doch wohl besonders schlimm. Ihr Sohn sei zwar keiner von den Rechten, die Rechten seien aber alle seine Freunde. Und sie hätte da auch nichts dagegen, denn was die machten, das sei "schon ok". Ich möchte diese Einstellung hier gar nicht weiter kommentieren, sie steht aber beispielhaft für die schizophrene Haltung vieler Menschen, sicherlich nicht nur im Schwalm-Eder-Kreis. Jeder Führer wäre begeistert.
Wir wollen der Empörung in der Schwalm gern Futter geben. Wir haben es dabei bezeichnenderweise nie nötig gehabt unsere Fantasie zu bemühen. Die Beispiele sind zahlreich und deutlich für jeden der einfach nur die Augen öffnet, bei Spießern eine Bratwurst kauft oder aufmerksam die Zeitung liest. Nichts anderes machen wir.
Heinrich-Ruppel-Weg in Homberg-Wernswig
Heinrich-Ruppel-Weg, Homberg-Wernswig
Nach der Fertigstellung eines neuen Verkehrskreisels in der Kreisstadt Homberg im Jahr 2007 wurde dieser bei seiner Einweihung auch mit einem Namen versehen. Namenspate für den schönen neuen Kreisverkehr sollte einmal mehr Heinrich Ruppel sein. Die Stadtverordnetenversammlung beschloss am 14. September 2007 die Namensgebung des Platzes. Am 29. Mai 2008 erfolgte die offizielle Umbenennung. Den Namen tragen bereits Straßen im Homberger Ortsteil Wernswig, im Frielendorfer Ortsteil Leuderode und in Ruppels Geburtsort Haunetal im Kreis Hersfeld-Rotenburg.
 
Es liegt ein Stadt im Niederland
Es liegt ein Stadt im Niederland
Die wird vom General Emmich berannt
Die Stadt ist geheißen Lüttich
Herzliebster mein, Gott behüt dich
Stadt Lüttich ist eine stolze Stadt
Die viel Geschütz und Soldaten hat
Viel Blut muß fließen vor Lüttich
Herzliebster mein, Gott behüt dich
Und wenn gleich viel jung Herzblut fließt
Sie darf nit trutzen, weil´s uns verdrießt
Wir stürmen hinein in Lüttich
Herzliebster mein, Gott behüt dich
Und als verflossen der Tage zehn
Ist mir todtraurige Botschaft geschehn
Mein Ringlein kam mir von Lüttich
Herzliebster mein, Gott behüt dich
Text: Heinrich Ruppel
Ruppel war ein deutscher Dichter, Liedschreiber und Schriftsteller, geboren 1886 in Haunetal und gestorben 1974 in Schwalmstadt-Ziegenhain. Ruppel war ab 1912 Taubstummenlehrer in Homberg und nahm als Soldat am Ersten Weltkrieg teil. In seiner Freizeit verfasste er Laienspiele, volkskundliche Abhandlungen, Erzählungen aus dem bäuerlichen und handwerklichen Milieu und auch aus der Welt gehörloser Menschen. Im November 1938 wurde er Beamter auf Widerruf und Leiter der "Homberger Heimschule für Weisen und Kinder in Fürsorgeerziehung“, einer Gebärdensprachenschule in Homberg.
Die Benennung einer Schule nach Heinrich Ruppel wurde aufgrund seines Verhaltens während der Zeit des Nationalsozialismus von Lehrer- und Elternschaft abgelehnt. Im von der Kreisleitung der NSDAP Fritzlar-Homberg herausgegebenen Heimatgruß aus dem Chattengau verfasste er Beiträge für die Soldaten an der Front. In einem Schreiben bezeichnet Ruppel Adolf Hitler als den ´von Gott gesandten Führer´. Nach Dreytza und Fäcke [1] verherrlichte Ruppel den Führer und veranlasste auf Weisung die Deportation von Kindern aus der Heimschule nach Hadamar. In der NS-Tötungsanstalt Hadamar auf dem Mönchberg in Hadamar (Hessen) wurden zwischen Januar 1941 und März 1945 im Rahmen der so genannten Euthanasie etwa 14.500 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in einer Gaskammer, durch tödliche Injektionen und Medikationen sowie durch vorsätzliches Verhungernlassen ermordet. An dieses Verbrechen erinnert heute die Gedenkstätte Mönchberg. (Quelle: Wikipedia)
Während man also bei der Betrachtung der Person Heinrich Ruppel insgesamt ein vernichtendes Urteil fällt, hält man die Benennung von Straßen nach Ruppel im Schwalm-Eder-Kreis für eine "Ehrung". Der Lehrer hat nach Darstellung der Befürworter in den Jahren des Nationalsozialismus Mut und Menschlichkeit bewiesen und eine jüdische Schülerin vor den Faschisten gerettet. Ruppel unterrichtete ab 1938 mit Genehmigung die "halbjüdische“ gehörlose Esther Abraham.
Es gibt übrigens keinen Esther-Abraham-Weg in Homberg. Es gibt auch keinen Pfarrer-Heinrich-Baum-Weg in Wabern und keine Kurt-Finkenstein-Straße in Guxhagen. Die Geschichte von Opfern des Nationalsozialismus ist wohl zu unangenehm, als dass man sich daran erinnern möchte. Die Huldigung lokaler Persönlichkeiten lässt hingegen auch mittelschwere Geschichtsklitterung zu.
Heinrich-Ruppel-Weg in Homberg-Wernswig
Heldengedenken in Wabern (Hessen)
In vielen Dörfern Nordhessens werden Ehrenmäler für die in den Weltkriegen gefallenen Soldaten gepflegt. Nicht selten liegen frische Blumen oder Kränze unter den Türmen aus Stein. Angesichts solch gepflegter Denkmäler scheint es uns, als habe eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte mancherorts überhaupt nicht stattgefunden. Eine Kirmesburschenschaft aus dem Schwalm-Eder-Kreis präsentiert sich auf ihrer Internetseite vor dem Denkmal aufgestellt, Fahnen tragend, in uniformen Hemden und passendem Halstuch. Den Blick auf das Ehrenmal verstellen sie dabei nicht, nehmen das Denkmal vielmehr in ihre Mitte. Mit einer Portion Zynismus sage ich: Vor den humanistischen Werten vergangener Jahrzehnte hat man Teile der Dorfjugend offenbar gewissenhaft und nachhaltig ´beschützt´. Irgendeine Nähe zu Extremisten oder Gewalttätern unterstelle ich dabei selbstverständlich nicht. Verglichen mit anderen Jugendkulturen kann man jedoch eine Parallelwelt mit gewissem Konfliktpotential erkennen.
Heinrich-Ruppel-Weg in Homberg-Wernswig
Heldengedenken in Borken-Singlis
Die Opfer des Nationalsozialismus sind tot, vergessen und verdrängt - Täter sind in der hessischen Provinz der bürokratisch betriebenen Entnazifizierung durch die Amerikaner entgangen, haben hohe Ämter bekleidet, haben allzeit Anerkennung und Hochachtung genossen, durften ihre Kinder aufwachsen sehen und alt werden. Manfred Roeder aus Schwarzenborn erhielt für die Leugnung des Holocaust heute eine Bewährungsstrafe. Roeder wurde erzogen in der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt Napola und beteiligte sich 1945 als einer der jüngsten regulären Soldaten an den Kämpfen um Berlin. Roeder ist verheiratet und hat sechs Kinder. Im hessischen Schwarzenborn (Schwalm-Eder-Kreis) hat er ein Anwesen, das "Haus Richberg auf dem Knüll“, das er "Reichshof“ nennt und das lange ein Treffpunkt der neonazistischen Szene war. Wegen Rädelsführerschaft in einer terroristischen Vereinigung war Roeder 1982 zu 13 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden. 1990 wurde er wegen guter Führung und günstiger Sozialprognose wieder entlassen.
Stephan Siebrecht, antimanifest
[1]
Spuren jüdischen Lebens im Kreis Homberg
von Friedrich Dreytza und Christiane Fäcke
Verlag: Jenior; Auflage:1 (2004)
ISBN 3-934-37769-6
Pressemeldungen zum Thema:
Bewährung für Neonazi Roeder
Hessische-Niedersächsische Allgemeine, HNA online am 13.11.2009
Rechtsextremismus: Strafverfolgung alleine reicht nicht
Nordhessennews NH24 am 13.11.2009
HNA online am 13.11.2009:
Bewährung für Neonazi Roeder
Manfred Roeder aus Schwarzenborn musste sich am Freitag in einem Berufungsverfahren vor dem Landgericht Marburg verantworten. Der 80-jährige aus Schwarzenborn hatte in einem Rundbrief an 1.450 Gesinnungsgenossen den Holocaust geleugnet. Hierfür war er vom Amtsgericht Schwalmstadt zu einem Jahr Haft verurteilt worden.
Dieses Urteil wandelte das Landgericht nun in eine Bewährungsstrafe um – als "Akt der Menschlichkeit, des Verzeihens und der vorweggenommenen Gnade", begründete Richter Wolf Winter.
NH24 am 13.11.2009:
Rechtsextremismus: Strafverfolgung alleine reicht nicht
Der DGB-Kreisvorstand fordert den Erhalt der Schulsozialarbeit. "Die Studie zum Rechtsextremismus im Schwalm-Eder-Kreis hat gezeigt, dass hier nicht gespart werden darf", sagte der nordhessische DGB-Vorsitzende Michael Rudolph. Die Kommunen, der Kreis und das Land Hessen stünden in der Pflicht zu handeln. Dass die Hessische Landesregierung hierfür keine zweckgebundenen Mittel bereitstellen wolle, sei vor diesem Hintergrund nicht nachvollziehbar. "Die Schulsozialarbeit muss im Landeshaushalt einen eigenen Topf erhalten“, fordert Rudolph.
"Wir brauchen neben der konsequenten Strafverfolgung rechtsextremer Gewalttäter mehr präventive Maßnahmen“, sagte Rudolph. Antirassismusarbeit, Projekttage für Demokratie - all dies mache sich nicht von alleine. Ferner müssten Probleme von Jugendlichen ernst genommen und junge Menschen dabei unterstützt werden, diese Probleme zu lösen. Hierbei spielen die Sozialarbeiter in den Schulen eine wichtige Rolle.
 
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letzte Aktualisierung: 02.02.10