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13.
November 2009
Blickpunkt
Schwalm
wo
sie kalte Lieder sangen
Nach
Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Studie über
rechtsextreme Strukturen im Schwalm-Eder-Kreis sehen viele Menschen
ihren Eindruck bestätigt, dass das Klima des Wegsehens, des
Leugnens und Verharmlosens rechtsextremistischer Aktivitäten
in der Region kein Zufall ist. Was ist das für ein Landstrich,
in dem Straßen nach Lokalgrößen aus der Zeit des
braunen Terrors benannt sind und noch heute neue Verkehrskreisel
nach solchen benannt werden?
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"Wo
sie kalte Lieder sangen
Tausenfach
zum Mord bereit"
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Im
Auftrag des Landkreises Schwalm-Eder wurden Experteninterviews mit
90 Menschen aus 21 Kommunen der Region geführt. Die Untersuchung
mit dem Titel "Das ist vielen gar nicht bewusst"
wurde am 4. November 2009 in Homberg (Efze) vorgestellt. Mitgearbeitet
an der Regionalanalyse zu Rechtsextremismus und demokratischen Potenzialen
im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis hat auch eine Kasseler Soziologin
und Politologin vom "Mobilen Beratungsteam gegen Rassismus
und Rechtsextremismus in Hessen" (MBT).
Wenn
denn überhaupt wahrgenommen werde, dass es rechtsextreme Tendenzen
auch im eigenen Ort gibt, werde
das Problem verharmlost und vor dem Ausmaß würden die
Augen verschlossen, so die Aussage von Interviewten.
Ein
Zitat: "Rechtsextreme gibt es. Sind auch bekannt. Sind auch
der Polizei bekannt. Sind auch im Dorf bekannt. Aber es wird nicht
drüber gesprochen."
Die
Reaktionen auf die Veröffentlichung waren sehr verschieden.
Nach den vielen Vorfällen der Vergangenheit und insbesondere
nach den wiederholten schweren Übergriffen der vergengenen
Tage und Wochen ist das Interesse und die Aufmerksamkeit auch außerhalb
des Landkreises groß. Das hat nun auch die bürgerliche
Tageszeitung HNA erkannt und berichtete zuletzt lückenlos.
Wer Erfahrung mit der speziellen Geisteshaltung vieler Nordhessen
machen musste, so wie ich in Kindheit und Jugend, der wird sich
nicht wundern, dass die Empörung über die Studie in der
Schwalm ebenso groß ist. Das wiederum kann man den vielen
Leserkommentaren in der online-Ausgabe der dominierenden Tageszeitung
oder der Netzzeitung Nordhessen24 entnehmen.

Es
ist für die Bürgerlichen an Schwalm und Eder ja nur typisch:
Die Diskussion wird nicht als Chance erkannt, sondern als Verleumdung
empfunden. Der Regionalstolz scheint tief verletzt. Jede Auseinandersetzung
mit den Betrachtungen der Wissenschaftler wird abgelehnt. Warum
sich so viele Menschen empören, obwohl ihnen direkt ja gar
kein Vorwurf gemacht wird? Getroffene Hunde bellen, sagt
ein Sprichwort. In Art und Ausdrucksweise der Empörung lässt
sich aber noch mehr erkennen. Man solidarisiert sich nahezu mit
rechten Gewalttätern und redet ihnen das Wort. So wird beispielsweise
penetrant wie nie versucht, von der Gewalt gegen Jugendliche und
Polizisten im Landkreis abzulenken. Viel schlimmer seien doch die
"ausländischen Komaschläger" und "Stadtteile,
in die sich die Polizei nicht hineintraut" (Leser-Kommentare).

Die
Schwalm hält zusammen - und ich meine dabei nicht ein paar
dutzend junge Schläger. Im Jahr 2008 besuchten wir in Schwalmstadt-Treysa
eine Demonstration gegen rechte Gewalt. Die Demo war eine Reaktion
auf den Überfall von Anhängern der Gruppierung "Freie
Kräfte Schwalm-Eder" auf ein schlafendes 13-jähriges
Mädchen. Das Mädchen hatte an einem Zeltlager einer alternativen
Jugendorganisation teilgenommen. Der Vorfall erschütterte viele
Menschen im Kreis und über die Region hinaus. Nach dem Rundgang
durch die Kleinstadt hatten wir Hunger und weil man nach türkischen
Imbissen oder China-Restaurants in der Schwalm lange suchen muss,
sind wir zu einem Bratwurst-Stand gegangen. Die Dame an der Fritteuse
fragte uns mit skeptischem Blick: "kommen Sie auch von der
Demonstration?" Wir bestätigten und erklärten
noch, dass wir uns sogar von Kassel aus auf den Weg nach Treysa
gemacht hatten. Die Wurstverkaüferin hielt dann eine Erklärung
ab, die lautete sinngemäß: Gewalt fände sie ja auch
nicht gut. Aber die Gewalt der Ausländer sei doch wohl besonders
schlimm. Ihr Sohn sei zwar keiner von den Rechten, die Rechten seien
aber alle seine Freunde. Und sie hätte da auch nichts dagegen,
denn was die machten, das sei "schon ok". Ich möchte
diese Einstellung hier gar nicht weiter kommentieren, sie steht
aber beispielhaft für die schizophrene Haltung vieler Menschen,
sicherlich nicht nur im Schwalm-Eder-Kreis. Jeder Führer wäre
begeistert.

Wir
wollen der Empörung in der Schwalm gern Futter geben. Wir haben
es dabei bezeichnenderweise nie nötig gehabt unsere Fantasie
zu bemühen. Die Beispiele sind zahlreich und deutlich für
jeden der einfach nur die Augen öffnet, bei Spießern
eine Bratwurst kauft oder aufmerksam die Zeitung liest. Nichts anderes
machen wir.
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Heinrich-Ruppel-Weg,
Homberg-Wernswig
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Nach
der Fertigstellung eines neuen Verkehrskreisels in der Kreisstadt
Homberg im Jahr 2007 wurde dieser bei seiner Einweihung auch mit
einem Namen versehen. Namenspate für den schönen neuen
Kreisverkehr sollte einmal mehr Heinrich Ruppel sein. Die Stadtverordnetenversammlung
beschloss am 14. September 2007 die Namensgebung des Platzes. Am
29. Mai 2008 erfolgte die offizielle Umbenennung. Den Namen tragen
bereits Straßen im Homberger Ortsteil Wernswig, im Frielendorfer
Ortsteil Leuderode und in Ruppels Geburtsort Haunetal im Kreis Hersfeld-Rotenburg.

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Es
liegt ein Stadt im Niederland
Es
liegt ein Stadt im Niederland
Die wird vom General Emmich berannt
Die Stadt ist geheißen Lüttich
Herzliebster mein, Gott behüt dich
Stadt
Lüttich ist eine stolze Stadt
Die viel Geschütz und Soldaten hat
Viel Blut muß fließen vor Lüttich
Herzliebster mein, Gott behüt dich
Und
wenn gleich viel jung Herzblut fließt
Sie darf nit trutzen, weil´s uns verdrießt
Wir stürmen hinein in Lüttich
Herzliebster mein, Gott behüt dich
Und
als verflossen der Tage zehn
Ist mir todtraurige Botschaft geschehn
Mein Ringlein kam mir von Lüttich
Herzliebster mein, Gott behüt dich
Text:
Heinrich Ruppel
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Ruppel
war ein deutscher Dichter, Liedschreiber und Schriftsteller, geboren
1886 in Haunetal und gestorben 1974 in Schwalmstadt-Ziegenhain.
Ruppel war ab 1912 Taubstummenlehrer in Homberg und nahm als Soldat
am Ersten Weltkrieg teil. In seiner Freizeit verfasste er Laienspiele,
volkskundliche Abhandlungen, Erzählungen aus dem bäuerlichen
und handwerklichen Milieu und auch aus der Welt gehörloser
Menschen. Im November 1938 wurde er Beamter auf Widerruf und Leiter
der "Homberger Heimschule für Weisen und Kinder in
Fürsorgeerziehung, einer Gebärdensprachenschule
in Homberg.

Die
Benennung einer Schule nach Heinrich Ruppel wurde aufgrund seines
Verhaltens während der Zeit des Nationalsozialismus von Lehrer-
und Elternschaft abgelehnt. Im von der Kreisleitung der NSDAP
Fritzlar-Homberg herausgegebenen Heimatgruß aus dem Chattengau
verfasste er Beiträge für die Soldaten an der Front. In
einem Schreiben bezeichnet Ruppel Adolf Hitler als den ´von
Gott gesandten Führer´. Nach Dreytza und Fäcke
[1] verherrlichte Ruppel den Führer
und veranlasste auf Weisung die Deportation von Kindern aus der
Heimschule nach Hadamar. In der NS-Tötungsanstalt
Hadamar auf dem Mönchberg in Hadamar (Hessen) wurden zwischen
Januar 1941 und März 1945 im Rahmen der so genannten Euthanasie
etwa 14.500 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen
in einer Gaskammer, durch tödliche Injektionen und Medikationen
sowie durch vorsätzliches Verhungernlassen ermordet. An dieses
Verbrechen erinnert heute die Gedenkstätte Mönchberg.
(Quelle: Wikipedia)

Während
man also bei der Betrachtung der Person Heinrich Ruppel insgesamt
ein vernichtendes Urteil fällt, hält man die Benennung
von Straßen nach Ruppel im Schwalm-Eder-Kreis für eine
"Ehrung". Der Lehrer hat nach Darstellung der Befürworter
in den Jahren des Nationalsozialismus Mut und Menschlichkeit bewiesen
und eine jüdische Schülerin vor den Faschisten gerettet.
Ruppel unterrichtete ab 1938 mit Genehmigung die "halbjüdische
gehörlose Esther Abraham.
Es
gibt übrigens keinen Esther-Abraham-Weg in Homberg. Es gibt
auch keinen Pfarrer-Heinrich-Baum-Weg in Wabern und keine Kurt-Finkenstein-Straße
in Guxhagen. Die Geschichte von Opfern des Nationalsozialismus ist
wohl zu unangenehm, als dass man sich daran erinnern möchte.
Die Huldigung lokaler Persönlichkeiten lässt hingegen
auch mittelschwere Geschichtsklitterung zu.

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Heldengedenken
in Wabern (Hessen)
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In
vielen Dörfern Nordhessens werden Ehrenmäler für
die in den Weltkriegen gefallenen Soldaten gepflegt. Nicht selten
liegen frische Blumen oder Kränze unter den Türmen aus
Stein. Angesichts solch gepflegter Denkmäler scheint es uns,
als habe eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte
mancherorts überhaupt nicht stattgefunden. Eine Kirmesburschenschaft
aus dem Schwalm-Eder-Kreis präsentiert sich auf ihrer Internetseite
vor dem Denkmal aufgestellt, Fahnen tragend, in uniformen Hemden
und passendem Halstuch. Den Blick auf das Ehrenmal verstellen
sie dabei nicht, nehmen das Denkmal vielmehr in ihre Mitte. Mit
einer Portion Zynismus sage ich: Vor den humanistischen Werten
vergangener Jahrzehnte hat man Teile der Dorfjugend offenbar gewissenhaft
und nachhaltig ´beschützt´. Irgendeine Nähe
zu Extremisten oder Gewalttätern unterstelle ich dabei selbstverständlich
nicht. Verglichen mit anderen Jugendkulturen kann man jedoch eine
Parallelwelt mit gewissem Konfliktpotential erkennen.

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Heldengedenken
in Borken-Singlis
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Die
Opfer des Nationalsozialismus sind tot, vergessen und verdrängt
- Täter sind in der hessischen Provinz der bürokratisch
betriebenen Entnazifizierung durch die Amerikaner entgangen, haben
hohe Ämter bekleidet, haben allzeit Anerkennung und Hochachtung
genossen, durften ihre Kinder aufwachsen sehen und alt werden. Manfred
Roeder aus Schwarzenborn erhielt für die Leugnung des Holocaust
heute eine Bewährungsstrafe. Roeder wurde erzogen in der Nationalpolitischen
Erziehungsanstalt Napola und beteiligte sich 1945 als einer
der jüngsten regulären Soldaten an den Kämpfen um
Berlin. Roeder ist verheiratet und hat sechs Kinder. Im hessischen
Schwarzenborn (Schwalm-Eder-Kreis) hat er ein Anwesen, das "Haus
Richberg auf dem Knüll, das er "Reichshof
nennt und das lange ein Treffpunkt der neonazistischen Szene war.
Wegen Rädelsführerschaft in einer terroristischen Vereinigung
war Roeder 1982 zu 13 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden.
1990 wurde er wegen guter Führung und günstiger Sozialprognose
wieder entlassen.
Stephan
Siebrecht, antimanifest
| [1] |
Spuren
jüdischen Lebens im Kreis Homberg
von
Friedrich Dreytza und Christiane Fäcke
Verlag:
Jenior; Auflage:1 (2004)
ISBN
3-934-37769-6
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Rechtsextremismus:
Strafverfolgung alleine reicht nicht
Nordhessennews NH24 am 13.11.2009
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Bewährung
für Neonazi Roeder
Manfred
Roeder aus Schwarzenborn musste sich am Freitag in einem
Berufungsverfahren vor dem Landgericht Marburg verantworten.
Der 80-jährige aus Schwarzenborn hatte in einem Rundbrief
an 1.450 Gesinnungsgenossen den Holocaust geleugnet. Hierfür
war er vom Amtsgericht Schwalmstadt zu einem Jahr Haft
verurteilt worden.
Dieses
Urteil wandelte das Landgericht nun in eine Bewährungsstrafe
um als "Akt der Menschlichkeit, des Verzeihens
und der vorweggenommenen Gnade", begründete
Richter Wolf Winter.
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Rechtsextremismus:
Strafverfolgung alleine reicht nicht
Der
DGB-Kreisvorstand fordert den Erhalt der Schulsozialarbeit.
"Die Studie zum Rechtsextremismus im Schwalm-Eder-Kreis
hat gezeigt, dass hier nicht gespart werden darf",
sagte der nordhessische DGB-Vorsitzende Michael Rudolph.
Die Kommunen, der Kreis und das Land Hessen stünden
in der Pflicht zu handeln. Dass die Hessische Landesregierung
hierfür keine zweckgebundenen Mittel bereitstellen
wolle, sei vor diesem Hintergrund nicht nachvollziehbar.
"Die Schulsozialarbeit muss im Landeshaushalt
einen eigenen Topf erhalten, fordert Rudolph.
"Wir
brauchen neben der konsequenten Strafverfolgung rechtsextremer
Gewalttäter mehr präventive Maßnahmen,
sagte Rudolph. Antirassismusarbeit, Projekttage für
Demokratie - all dies mache sich nicht von alleine. Ferner
müssten Probleme von Jugendlichen ernst genommen
und junge Menschen dabei unterstützt werden, diese
Probleme zu lösen. Hierbei spielen die Sozialarbeiter
in den Schulen eine wichtige Rolle.
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